Der “neue Atheimus” ist in aller Munde. Dawkins, Hitchens, in Frankreich Onfray und in Deutschland Schmidt-Salomon mit seiner Giordano-Bruno-Stiftung gelten als ihre Vertreter. Was aber ist wirklich “neu” an diesem Atheismus? Die Wahrheit ist: gar nichts. Den sattsam bekannten Argumenten gegen religiösen Glauben wurde nur ein neues Etikette aufgeklebt. Und zwar damit die “neuen” Atheisten selbst, aber v.a. allem die Medien das Paket als Neuheit, als Sensation verkaufen können. Gratis dazu gibts für die Religiösen etwas zum Gruseln oder auch einfach nur ein neues, griffiges Feindbild. Was soll auch an der weltanschaulichen Auseinandersetzung noch “neu” sein, wenn die “Schlachten” längst geschlagen sind? Die Theologie ist tot. Die Gläubigen haben sich derweil in ihrem winzigen philosophischen Schützengraben eingerichtet.
Die Edge-Foundation ist ein informeller Zusammenschluss von Intellektuellen, die Antworten auf gesellschaftliche wichtige Fragen zu finden versuchen. Zu jedem Jahreswechsel stellt ihr Koordinator, der Verleger John Brockman, die Mitglieder vor eine besonders knifflige Frage.
Bisherige Fragen lauteten “Wobei sind ist optimistisch?” (2007), “Was war ihre gefährlichste Idee?” (2006), “Was halten sie für wahr, obwohl sie es nicht beweisen können?” (2005)
Die Frage diesen Jahres lautet:
Wenn Denken Ihre Meinung verändert, dann ist das Philosophie.
Wenn Gott Ihre Meinung verändert, dann ist das Glaube.
Wenn Fakten Ihre Meinung verändern, dann ist das Wissenschaft.
Zu welchem Thema haben Sie Ihre Meinung geändert und warum?
Über 150 Äußerung gibt es bisher, zum Großteil von Wissenschaftlern, teils mit sehr persönlichen teils mit sehr fachspezifischen Antworten. Richard Dawkins weist in seinem Beitrag auf den ungewöhnlichen Umstand hin, dass Irrtümer bei Wissenschaftler ein biographisches Must-Have seien, weil man sonst von Engstirnigkeit und Dogmatismus ausgehe, während Politiker beinahe alles tun müssten, um den Eindruck zu vermeiden sie seien Fähnchen im Wind. Sam Harris gibt zu früher einmal daran geglaubt zu haben dass Mutter Natur es gut mit uns Menschen meine. Thomas Metzinger schildert wie er zur Einsicht gelang,te dass es keine moralischen Wahrheiten gebe, Michael Shermer schildert seine Tranformation vom (soziologischen) Behavioristen zum (evolutionären) Deterministen und Anton Zeilinger glaubte früher seine Forschungsarbeit (zur Quantenphysik) sei ebenso “nutzlos” wie eine Beethoven-Symphonie.
Ein Fundstück von “Begrenzte Wissenschaft”, einem sehr interessanten Blog, den ich an dieser Stelle ausdrücklich empfehlen möchte. In diesem Beitrag wird sehr anschaulich die Methode religiöser Wahrheitsfindung anhand der Frage “Jesus, Gott oder Mensch” erläutert. Der Interssierte Leser möge sich bitte das Original ansehen, ich erlaube mir hier mal nur das Schlusswort des Artikel zu zitieren:
Eine beliebte Ausrede rechtgläubiger Christen ist, dass Gott es wohl nicht zugelassen hätte, die christliche Botschaft zu verfälschen. So wie Gott auch sichergestellt hat, dass die Botschaft der Bibel trotz Übertragungs- und Übersetzungsfehler immer die gleiche, nämlich wahre geblieben sei [4]. An dieser Stelle müsste man sich dann wohl zuerst den Heiligen Kyrillos als vom Heiligen Geist beseelt vorstellen und später den die fast gegenteilige Meinung vertretenden Papst Leo. Gottes Wege, zu denen offenbar auch Bischofs-Slapstick und Machtpolitik gehören, sind manchmal unergründlich. Ob man etwas so unergründliches an staatlichen Universitäten unterrichten sollte, mag jeder für sich selbst entscheiden.
Im Übrigen sollte man all dies im Hinterkopf behalten, wenn man mal wieder jemanden vermeintlich tiefsinnig behaupten hört, die Wissenschaft könne die grundsätzlichen Fragen gar nicht beantworten, die ständen nur der Religion offen. Die Antworten, die man vortäuscht geben zu können, könnten unter Umständen auf die oben beschriebene Art gefunden worden sein.
Nützt Religion?
Gleich zwei neue deutschsprachige Bücher beschäftigen sich mit dem Thema, Peter Sloterdijks “Gottes Eifer” und Barbara Stöckls Interview mit Christoph Schönborn namens “Wer braucht Gott?”. Robert Misik rezensierte beide Bücher in einem Aufwasch für den Wiener Falter.
Zeitgenössische, aufgeklärte Gläubige führen ja für ihre Religion schon seit längerer Zeit zwei Dinge ins Treffen, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben. Erstens: Sie ist wahr. Zweitens: Sie ist nützlich. Und da der Wahrheitsgehalt nicht wirklich zu beweisen ist und viele Menschen heutzutage spontan an Dingen wie der Jungfrauengeburt, der Aufspaltung Gottes in verschiedene Betriebsmodi - Vater, Sohn, Heiliger Geist - oder dem Gipfeltreffen von Moses und Jahwe am Berg Sinai zweifeln, wird mehr und mehr Gewicht auf das zweite Argument gelegt.
Wohl wahr. Die Rezension war ja ganz nett, informativ und aufschlussreich, doch Robert Misiks Resümee verwunderte mich doch sehr:
Nutzt’s nichts, dann schad’s nichts, wie der Wiener sagt. Ein Glaube, wie der, den Christoph Schönborn vertritt, der richtet wenig Schaden an und tut niemandem weh. Und das ist, wie Peter Sloterdijk zeigt, ohnehin das Beste, was man über eine Religion sagen kann.
Schönborns Glaube schadet also niemandem und tut niemanden weh?
Man möchte es für Realsatire halten, aber nun hat kath.net einen Beitrag vom Blog eines Herrn namens Paul Herzog von Oldenburg übernommen und damit diesen Kommentator aus den Abgründen des katholischen Universum geadelt.
In seinem Blog titelt Herzog von Oldenburg “Die Menschenrechte - die laizistische Wunderwaffe” kath.net macht daraus “Die Guillotine beginnt schon zu fallen“, Auszüge aus diesem obskuren Dokument:
Das EU-Dokument über „Staat, Religion, Säkularität und Menschenrechte” ist eine Kriegserklärung an die katholische Kirche. Ein Kommentar von Paul Herzog von Oldenburg.
(…) Mit der Verurteilung des Kreationismus und zusammen mit der Entschließung vom 29. Juni dieses Jahres über „Staat, Religion, Säkularität und Menschenrechte” schwingt sich der Europarat immer mehr zur einzig gültigen moralischen Instanz Groß - Europas auf.
Das Dogma heißt jetzt Menschenrechte. Die Menschenrechte sind das Maß aller Dinge. Alle haben sich danach zu richten. Die Staaten müssen mit allen Mitteln dafür Sorge tragen, dass alle am öffentlichen Meinungsbildungsprozess beteiligten Gruppen sich an die Menschenrechte halten. Wenn das irgendjemand nicht tut, muss dieser zu Recht gewiesen werden.
Während sich die Aufregung um Meisners Äußerungen bezüglich entarteter Kunst etwas zu legen scheint, sorgt Bischof Mixa für neuen Ärger. Er bezeichnet familienpolitische Maßnahmen des Staates als Umerziehungsprogramm.
Das Familienministerium wolle Frauen als Arbeitskräfte-Reserve für die Industrie rekrutieren, kritisiert der Augsburger Bischof.
Der Bischof von Augsburg, Walter Mixa, hat die Unionsparteien aufgerufen, sich geschlossen und unmissverständlich hinter die Forderung nach einem Betreuungsgeld für Eltern zu stellen, die ihre Kinder bis zum dritten Lebensjahr selbst erziehen, wie es von der CSU und verschiedenen CDU-Abgeordneten gefordert und in der Koalitionsrunde vereinbart worden ist.
Bei einer Rede vor rund 300 Zuhörern in Regensburg sagte Mixa, staatliche Familienpolitik müsse die Entscheidung von Eltern, ihre kleinen Kinder selbst zu erziehen und nicht in staatliche Betreuungseinrichtungen zu geben, in gleicher Weise fördern wie den Ausbau von Krippenplätzen. „Familienpolitische Maßnahmen müssen den Eltern unmittelbar helfen und darf nicht als staatliches Umerziehungsprogramm für Frauen und Mütter missbraucht werden, mit dem junge Frauen in erster Priorität auf Erwerbstätigkeit statt auf Familienarbeit und Kindererziehung eingestellt werden sollen,“ sagte der Bischof.
Mit einem Beitrag in der Süddeutschen reiht Friedrich Wilhelm Graf sich in den Chor der Kritiker des so genannten neuen Atheismus ein. Kennzeichen für diese Art des Diskurses ist erstens der überaus sparsame Gebrauch sachlicher Argumente und zweitens die persönliche Diffamierung
Graf, ein evangelischer Theologe, zur Zeit sogar als Fellow beim Wissenschaftskolleg zu Berlin tätig, macht gleich zu Beginn im Untertitel seines Betrages klar, worum es ihm geht:
Richard Dawkins und Christopher Hitchens - ein biologistischer Hassprediger und ein liberaler Skeptiker greifen in ihren Büchern die Religion an.
Der Gegner ist es also, der geifert, eine Unterstellung, die Graf an keiner Stelle seines Beitrages belegen wird. Das Attribut ‘biologistisch’ ist schon deutlich negativ konnotiert. Der durchschnittliche Leser soll hier wohl eine Nähe der Autoren zu sozialdarwinistischen Ansätze assoziieren. Weit schlimmer wiegt natürlich die Klassifikation als Hassprediger. Hassprediger, wie man hier nachlesen kann, sind Personen,
“Die Kirche ist ein Irrenhaus.“ Dieser Satz entfahre ihm wöchentlich mindestens zweimal, bekennt der sächsische Pastor und Evangelist Theo Lehmann (Chemnitz). [...]
“ Bei kritischen Anfragen genüge es, mit der linken Hand die Fundamentalismuskeule zu schwingen und mit der rechten das Toleranzfähnlein zu schwenken. Und so schwanke „die Kirche dahin wie ein Betrunkener, besoffen vom Zeitgeist“. Das Dilemma der Kirche sei, dass es in ihr nicht einmal mehr eine gemeinsame Bibel gebe.
[...]
Nach Ansicht des Theologen gibt es in der Kirche mehrere Kirchen, „die sich wie Feuer und Wasser gegenüberstehen und immer mehr auseinanderdriften“. Es stelle sich die Frage, wie lange man der Kirche noch die Treue halten könne oder solle. Die nächste Frage sei, wohin man gehen solle, denn: „Das Irrenhaus hat viele Abteilungen.“ Er habe sich, so Lehmann, dafür entschieden, in der Kirche zu bleiben, solange die Bekenntnisschriften „wenigstens noch offiziell in Gültigkeit sind“. Er plädiere dafür, „dass lieber die endlich abhauen sollen, die die Kindertaufe ablehnen, von der Jungfrauengeburt bis zur Auferstehung nichts glauben, geschweige denn von der Wiederkunft von Jesus, Gericht, Hölle und Verdammnis wissen oder predigen“.
Natürlich wisse er, dass genau diese Leute gerade nicht daran dächten, die Kirche zu verlassen: „Es ist unser Problem, dass wir mit ihnen leben müssen.“ Das müsse auch so sein, denn der Antichrist komme nicht aus einer Freimaurerloge, sondern aus der Sakristei.
