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  • 16. Sep. 2008

    Ein schönes Beispiel subtiler Propaganda für esoterische Pseudomedizin findet sich ausgerechnet in der aktuellen Septemberausgabe des Magazins „Journalist“, der Zeitung des Deutschen Journalisten-Verbandes. „Wenn die Stimme versagt“ ist ein Artikel über Panikattacken von Hörfunksprechern überschrieben. Die Autorin Ilona Hartmann, Redakteurin bei SWR4, hatte kürzlich eine Magisterarbeit über das Thema geschrieben und berichtet nun über die in der Branche weitgehend tabuisierten Angstzustände medienschaffender Mikrofonartisten. Bereits im Vorspann gibt sie bekannt, dass es „wirksame Therapien“ gebe, um die Panik zu bekämpfen. Welche das sind? Vor allem solche aus dem Horrorkabinett unwissenschaftlicher Heilslehren.

    Erst beschreibt Ilona Hartmann die Problematik anhand der Aussagen Betroffener. Dann geht’s um mögliche Abhilfen. Und siehe da: „In einem solchen Fall ist es sicher sinnvoll, professionellen Rat, beispielsweise in Form einer Psychotherapie, in Anspruch zu nehmen.“ Doch schon im nächsten Satz weiß Frau Hartmann zu berichten, dass „einigen der Befragten“ eine solche Therapie nicht half. Belegt wird das anhand der Aussage einer 38-jährigen, die der Meinung ist, sie wüsste schon, dass sie eine schwierige Beziehung zum Vater hätte und dieses Wissen sie bei ihren Panikattacken nicht weiterbringen würde. Und siehe: Schon ist der wissenschaftliche Therapieansatz über eine Einzelmeinung diskreditiert. Aber – Hahnemann sei Dank – gibt’s Hilfsmittel, die die Betroffenen, so Frau Hartmann, „tatsächlich brauchen“.

    Und dazu sollen wir vergleichen, was in dem begleitenden Kasten steht. Dort gibt’s unter der Überschrift „Therapie-Ansätze“ drei Literaturtipps. Erstens: „Energetische Psychologie: Bei dieser Form der Akupressur werden bestimmte Punkte am Körper geklopft, um emotionale Blockaden zu lösen.“ Das entsprechende Buch dazu bringt gleich die nächste esoterische Disziplin ins Spiel, denn es heißt „Feng Shui gegen das Gerümpel im Kopf. Blockaden lösen mit Energetischer Psychologie“. Klopfen gegen emotionale Blockaden. Alles klar? Natürlich am besten in einem Therapieraum, der nach den „Regeln“ des Feng Shui gestaltet ist? Wo ist hier das „Gerümpel im Kopf“ - und vor allem: in wessen?

    Außerdem im literarischen Angebot: „Psychokinesiologie: Mit Hilfe von Muskeltests sollen Ungleichgewichte im körperlichen und emotionalen Bereich aufgedeckt werden.“ Und schließlich das ebenfalls umstrittene EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing): Hier sollen bestimmte Augenbewegungen die „Synchronisation der beiden Gehirnhälften“ anregen. Klingt einleuchtend, oder?

    Im Artikel selbst werden auch noch „Naturheilmittel“ wie Bachblüten oder Homöopathie anempfohlen. Abgesehen davon, dass die Homöopathie gewiss kein Naturheilverfahren darstellt, fragen wir uns auch, was an einer esoterischen Heilslehre, die um das Jahr 1800 entwickelt wurde, bitteschön „modern“ sein soll?

    Fazit: Natürlich kann sich Journalistin Hartmann darauf zurückziehen, dass sie ja nur die Erfahrungen der von ihr Befragten wiedergegeben habe. Die subtile Art der Aufbereitung lässt aber eine höchst unkritische bis affirmative Haltung zu den Versprechungen der esoterischen Medizin vermuten. Hat Frau Hartmann über die erwähnten „Therapiemethoden“ ausreichend recherchiert? Dazu hätte man noch nicht einmal www.gwup.org oder www.quackwatch.org besuchen müssen. Bei der Homöopathie reicht schon ein Blick in den wikipedia-Artikel – unter „Kritik“. Mindestens hätte in den Artikel der Hinweis hingehört, dass die genannten Verfahren allesamt wissenschaftlich umstritten bzw. durch keine entsprechenden Untersuchungen in ihrer Wirksamkeit bestätigt sind. „Ein Journalist darf sich mit keiner Sache gemein machen“, wusste schon Hanns Joachim Friedrichs – schon gar nicht aber mit Humbug. So was empfiehlt man auch nicht Kollegen - schon gar nicht solchen, die das womöglich an ihre Leser, Zuhörer oder Zuschauer weitererzählen.

    2 Kommentare »

    1. Quasipresseschau 127 | NIGHTLINE schreibt:

      [...] Quacksalberei - von Journalisten für Journalisten Ein schönes Beispiel subtiler Propaganda für esoterische Pseudomedizin findet sich ausgerechnet in der aktuellen Septemberausgabe des Magazins „Journalist“, der Zeitung des Deutschen Journalisten-Verbandes. [...]

      16. Sep. 2008 | #

    2. Nga Ntalan schreibt:

      Nun ja, das solche Verfahren Humbug sind und die Berichterstattung mies, das glaube ich gerne, aber bei Angstattacken ist es wichtig, der Angst nicht ausgeliefert zu sein, daher vermute ich sogar, dass der Placebo-Effekt hier hilft (ich habe gleiches oft genug mit Chips ‘behandelt’ bevor ich professionelle Hilfe gesucht habe).

      17. Sep. 2008 | #

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