Das argumentum ad verecundiam. Statt der Gründe brauche man Autoritäten nach Maßgabe der Kenntnisse des Gegners.
So beschreibt Schopenhauer den Kunstgriff Nr. 30 in seinem Werk über eristische Dialektik ‘Die Kunst Recht zu behalten‘. Albert Einstein ist zweifellos eine der größten Autoritäten, dessen Meinung oder das, was man dafür hält, deshalb in allerlei Zusammenhängen allzu gerne als “Argument” in den Diskurs eingebracht wird, oftmals sogar von beiden Seiten. So auch im Streit zwischen Atheisten und Gläubigen. Besonders gerne wird Einstein von Deisten als Beispiel für einen gläubigen Wissenschaftler genannt. In einer Diskussionsrunde auf Phönix zum Thema ‘Die Renaissance der Religion?’ etwas zitiert der Journalist und EKD-Ratsmitglied Peter Hahne den genialen Physiker mit den Worten “es gibt keine leuchtendere Gestalt auf der Erde als Jesus Christus“. Vermutlich bezieht er sich hier auf ein gefälschtes Zitat, welches sich stets ohne Quellenangabe in diversen religiös motivierten Zitatsammlungen findet (glaube-und-kirche.de, Sternenfänger): ‘Es gibt wirklich nur eine Stelle in der Welt, wo wir kein Dunkel sehen. Das ist die Person Jesu Christi.‘
Zwar kann man ziemlich sicher man davon ausgehen, dass Einsteins kein Atheist war, viele seiner Äußerungen lassen deutliche Sympathie für pantheistische Vorstellungen, wie sie etwa von Spinoza formuliert wurden, erkennen. Dass Einstein an einen personalen (biblischen) Gott glaubte, kann jedoch spätestens nach dem Fund eines Briefes von Einstein ausgeschlossen werden. Diesen Brief, der vorgestern in London versteigert wurde, schrieb Einstein im Jahr 1954 an den Religionsphilosophen Erich Gutkind, der, wie Einstein, ein Jude war. Darin bezeichnet er die Vorstellung an einen persönlichen Gott als „kindlichen Aberglauben“:
Das Wort Gott ist für mich nichts als Ausdruck und Produkt menschlicher Schwächen, die Bibel eine Sammlung ehrwürdiger, aber doch reichlich primitiver Legenden […]. Keine noch so feinsinnige Auslegung kann etwas daran ändern. Diese verfeinerten Auslegungen sind … höchst mannigfaltig und haben so gut wie nichts mit dem Urtext zu schaffen.
[…]
Für mich ist die unverfälschte jüdische Religion wie alle anderen Religionen eine Inkarnation des primitiven Aberglaubens.
Weitere Informationen:
The Guardian: Einstein’s letter makes view of religion relatively clear
Der Tagesspiegel: Relativ ungläubig
