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  • 6. Feb. 2008

    Arche Noah statt Beagle? Evolutionstheorie, Kreationismus und Bildung

    Ein Gastbeitrag von Christoph Lammers, mit freundlicher Genehmigung des Goethe-Instituts


    Copyright: picture-alliance / OKAPIA KG, GermanyDass die Evolutionstheorie in der Kritik steht ist nicht neu. Seit Veröffentlichung seines bahnbrechenden Werkes Die Entstehung der Arten gab es lang anhaltend Stimmen, die den Wert von Darwins Theorie bestritten.

    Doch mit der Zeit hat sich die Kritik verlagert: In der Fachdisziplin Biologie ist die Evolutionstheorie aufgrund der zahlreichen sie stützenden Belege mittlerweile weitestgehend anerkannt; im öffentlichen Raum hingegen wird die Debatte heute intensiver geführt als noch vor einer Generation. Was bislang als rein US-amerikanisches Phänomen wahrgenommen wurde, hat nun Europa erreicht: Immer mehr Eltern fordern als Recht ein, ihren Kindern ein wesentliches Element naturwissenschaftlicher Bildung vorzuenthalten: die Theorie der Entwicklung des Lebens. Die aktuelle Trend auf dem Bildungsmarkt, der in Richtung privater Einrichtungen geht, begünstigt, eher zufällig, dieses Ansinnen.

    Kreationismus in Deutschland

    Die größte Anhängerschaft finden die Gegner von Darwins Abstammungslehre in den Kreisen fundamentalistischer Religionsgemeinschaften, insbesondere unter evangelikalen Christen. Man geht davon aus, dass heute etwa 1,3 Millionen Evangelikale in Deutschland leben. Ihre Zahl ist in den vergangenen 20 Jahren angestiegen, nicht zuletzt durch Zuwanderung von Spätaussiedlern aus Russland bzw. anderen ehemaligen Sowjetrepubliken. In diesem Milieu existieren starke Ressentiments gegenüber einer offenen, säkularen Gesellschaft und wissenschaftlichen Erkenntnissen. Der Kreationismus, also die Vorstellung, dass die Welt sich nicht in Selbstorganisation entwickelt, sondern die Schöpfung Gottes darstellt, ist ein Teilaspekt des religiösen Fundamentalismus. Dem zugrunde liegt die Idee der absoluten Irrtumsfreiheit der (jeweiligen) Heiligen Schrift, da diese göttlichen Ursprungs sei. Dabei gibt es eine Bandbreite von Varianten: vom explizit wissenschaftsfeindlichen, buchstabengetreuen Verständnis der Bibel bis hin zum Modell des Intelligent Design (ID), das sich im Rahmen wissenschaftlicher Diskursformen bewegt. Gemeinsam ist all diesen Ansätzen jedoch, dass die Evolutionstheorie als naturalistisches Erklärungsmodell ein Feindbild darstellt. Allerdings sind Zweifel an der Evolutionstheorie weit über die Szene ihrer hartnäckigen Gegner hinaus verbreitet.

    Umfragen verdeutlichen das Erstarken kreationistischen Denkens

    Ende 2005 wurde in Deutschland eine repräsentative Umfrage zur Entstehung des Lebens auf der Welt vorgelegt. Diese belegt, dass eine wachsende Zahl von Menschen der Evolutionstheorie kritisch gegenübersteht. Immerhin 13 % der Befragten stimmen der christlich-biblischen Lehre von der Entstehung der Welt und des Lebens zu, wonach Gott die Welt innerhalb von sieben Tagen erschaffen habe. Rund ein Viertel glauben, dass ein Höheres Wesen beziehungsweise Gott das Leben erschaffen und es sich unter dessen Kontrolle langsam entwickelt habe. Ergänzt werden diese Zahlen durch eine Befragung des Dortmunder Biologen Dittmar Graf unter 1228 Studienanfängern an den Universitäten Dortmund und Ankara im Jahr 2006. Demnach erscheint es 12,5 % der Studierenden unklar, ob überhaupt eine Evolution stattgefunden hat. Selbst unter den künftigen Biologielehrern bestreiten 5,5 % die Evolutionstheorie Darwins. Besonders groß ist der Widerstand gegen die Annahme, Mensch und Affe hätten gemeinsame Vorfahren – neun Prozent der Biologiestudierenden lehnen diese These ab (fächerübergreifend sind es 13 % der Lehramtskandidaten). Beachtliche 18 % der Studienanfänger (10 % der Biologiestudierenden) befürworten die Annahme, der Mensch sei in seinem heutigen Aussehen direkt geschaffen worden.Worauf ist diese Ablehnung wissenschaftlicher Erkenntnisse selbst unter angehenden Akademikern zurückzuführen? Drei Thesen seien hier stellvertretend genannt.

    Grundprobleme in der Vermittlung von Evolutionstheorie

    1. Kinder werden sehr früh durch kreationistische Vorstellungen geprägt: Es spricht vieles dafür, dass Kinder sich diese durch die religiöse Unterweisung im Vorschulalter (z.B. Bibelkundeunterricht) sowie durch Erzählungen und Bücher aneignen. Statt wissenschaftlicher Fakten werden biblische Motive (Adam und Eva / Arche Noah) bemüht. Die Vermittlung der komplexen Evolutionstheorie in der Primarstufe ist sicherlich eine didaktische Herausforderung, aber nicht prinzipiell unmöglich.
    2. Schöpfungsglaube wird der Evolutionstheorie gleichgestellt: Mittlerweile sprechen sich hochrangige Politiker – so die hessische Kultusministerin Karin Wolff (CDU) – dafür aus, Schöpfungmythen und Evolution im Biologieunterricht nebeneinander abzuhandeln. Dadurch wird in der öffentlichen Debatte der Eindruck erweckt, es handele sich aus der Perspektive der Biologie um zwei gleichwertige Erklärungsansätze. Tatsächlich jedoch muss die Ablehnung der Evolutionstheorie als gesellschaftliches Phänomen begriffen werden (und sollte deshalb in den betreffenden Fächern besprochen werden).
    3. Die religiös motivierte “Homeschooling” Bewegung ist auf dem Vormarsch: Die Zahl der Eltern, die ihre Kinder wegen des Sexualkunde- oder Biologieunterrichts nicht zur Schule schicken wollen, steigt. Obwohl sie vor den höchsten juristischen Instanzen Deutschlands und Europas gescheitert sind, kämpfen sie in netzwerkähnlichen Bewegungen gegen die Schulpflicht und erzwingen oftmals einen Kompromiss mit den staatlichen Behörden, wie das Beispiel der fundamentalistischen Sekte Die zwölf Stämme in Bayern zeigt. Die evangelikale Bewegung hat diese Eltern als Potential entdeckt und bedient sie mit evolutionskritischen Büchern, berät Familien bei der Schulverweigerung und kämpft vor Gericht um die Anerkennung ihrer Lebensweise. Schätzungen zufolge werden in Deutschland weit über 500 Familien von solchen Organisationen betreut.

    Copyright: Colourbox

    Wissenschaft und Religion – ein Ausblick

    Wir erleben derzeit den Versuch von religiös-fundamentalistischer Seite, die Trennung von Wissenschaft und Religion aufzuheben. Diese Seite bemüht sich, ihre Deutungsmacht auf ein gesellschaftliches Subsystem auszudehnen, aus dem sie – aus guten Gründen – seit der Aufklärung zunehmend hinausgedrängt wurde. Neben Versuchen, der Einflussnahme auf die Unterrichtsgestaltung an öffentlichen Schulen, stehen Aktivitäten, eigene, gewissermaßen “evolutionsfreie” Schulen einzurichten oder die Kinder mittels “Heimunterricht” dem Bildungsauftrag des Staates zu entziehen. Für die Vermittlung biologischen Wissens, aber auch für die Vorstellung von Wissenschaft überhaupt, hat dies negative Folgen. Denn Biologie sollte von Biologen anhand von wissenschaftlich begründeten Schulbuchtexten unterrichten werden – die ihr Lehramt nicht dazu missbrauchen, sich verdeckt zu religiösen Glaubensfragen zu äußern. Kreationismus stellt kein alternatives Wissenschaftsmodell zur Evolutionstheorie dar. Öffentliche wie private Schulen sind gut beraten, wenn sie sich nicht einseitig instrumentalisieren lassen, stattdessen die didaktische Herausforderung der Vermittlung von Evolutionsbiologie und Wissenschaftstheorie suchen. Dies schließt einen Dialog zwischen Religion und Wissenschaft nicht aus, ganz im Gegenteil. Dort, wo es vor allem um Grenzfragen zwischen Biologie und Philosophie geht, aber auch um Fragen zum Zusammenleben der Menschen in unserer heutigen Gesellschaft, können Wissenschaft und Religion voneinander profitieren.

    Christoph Lammers

    ist Politik- und Sozialwissenschaftler und wissenschaftlicher Angestellter im Fach Biologie und Didaktik der Biologie der Universität Dortmund und war Projektleiter des Wissenschaftskongresses “Die erschöpfte Theorie? Evolution und Kreationismus in Wissenschaften”.

    Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion

    Links zum Thema

    Quelle: Goethe-Institut

    3 Kommentare »

    1. SkepTicker - ID & Bildung | A GRIM DRAFT schreibt:

      […] von Christoph Lammers zu Kreationismus, Evolutionstheorie und Bildung im heutigen SkepTicker ~ Arche Noah statt Beagle? Wednesday, February 6, 2008 | at 11:41 […]

      7. Feb. 2008 | #

    2. Alfred schreibt:

      Wäre es nicht so traurig, man wollte laut loslachen: Die Existenz menschlicher Himosexualität BEWEIST eindeutig, dass die Evolutionstheorie blanker Unsinn ist. http://www.hjp.ch/texte/heiraten/ExSchwul.htm

      Gegen Dummheit ist leider immer noch kein Kraut gewachsen.

      13. Mrz. 2008 | #

    3. DER MISANTHROP » Blog Archiv » Arche Noah? schreibt:

      […] von Christoph Lammers zu Kreationismus, Evolutionstheorie und Bildung im heutigen SkepTicker ~ Arche Noah statt Beagle? « Volksbegehren der Jungen SVP St. Gallen […]

      18. Mrz. 2008 | #

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