Im aktuellen Spiegel-Special Heft “Gesund und Glücklich” darf Autor Peter Seewald sich über die heilsame Kraft des Glaubens auslassen. Seewald ist , wie man etwa dem (übrigens ganz erstaunlichen in der Hauptsache vom Autor ‘Bene16‘ verfassten) Artikel bei Wikipedia entnehmen kann, durchaus ein ausgewiesener Experte in Glaubensbelangen. Auch seine zahlreichen Veröffentlichungen “Salz der Erde“, “Benedikt XVI. Ein Porträt aus der Nähe” oder “Benedikt XVI. Leben und Auftrag” deuten darauf hin, dass er einen mehr als durchschnittlichen Bezug zur katholischen Kirche hat. Nun bedeutet ja die Weltanschauliche Ausrichtung eines Autors nicht zwingend, dass sein journalistisches Wirken ausschließlich von eben dieser Weltanschauung beeinflusst oder gar diktiert wird. Auch die Macher des Heftes verschweigen nicht aus welcher weltanschaulichen Ecke der Autor stammt. Wie in solchen Heften üblich wird er zu Beginn des Artikels kurz vorgestellt:
Peter Seewald, 53. Verfasser mehrerer Gesprächsbücher mit Kardinal Joseph Ratzinger (dem jetzigen Papst Benedikt XVI.), ist Herausgeber der sechsbändigen “Bibliothek der Mönche“. Zuletzt erschien von ihm “Kult“, eine Sammlung von Kuriositäten und Besonderheiten aus 2000 Jahren christlicher Kultur.
Der Titel des Artikels lautet “Die Homöopathie Gottes” und einen kleinen Augenblick lang ist man geneigt auf einen aufklärerisch-skeptischen Beitrag zu hoffen, schließlich ist es wohl bekannt, dass kein über Placebo hinausgehender Heileffekt der Homöopathie feststellbar ist. Man fragt sich, ob der Autor hier eine ganz subtile Form von Religionskritk anbringen möchte: Gott als Ober-Homöopath, der Hahnemanns Ähnlichkeitsprinzip (Simile) folgend, das Böse bekämpft, in dem er das Böse selbst in ganz kleinen Dosen (Religion) in die Welt setzt? Pfarrer und sonstige Lakaien, die Gottes homöopathische Medizin in einem für Laien kaum nachvollziehbaren Prozedere (Theologie) solange potenzieren - also verdünnen - bis das kleinste Fitzelchen “Wirkstoff” verflüchtigt ist. Aber dann, Nein. Doch nicht, leider zu früh gefreut. Wäre ja auch zu schön gewesen. Schon der Teaser belehrt uns in fetten Lettern eines Besseren:
Religiöse Menschen leben offenbar gesünder. Der Glaube mindert die Angst, macht weniger depressiv und stärkt das Selbstwertgefühl. Die heilende Kraft der Spiritualität wird neu entdeckt.
Der vier Seiten lange Artikel beginnt mit einer Vielzahl an anekdotischen Heilungberichten:
Wunder gibt es immer wieder. Dem 57-jährigen Eremiten Fratel Cosimo Fragomeni aus Kalbrien wird von seinem Freundeskreis ein Charisma des Heilens attestiert, durch das bereits mehr als 8000 Teilnehmer seiner Treffen bei der Pilgerstätte Madonna dello Scoglio auf wundersame Weise genesen sind.
oder
Bislang 600 Heilungen registrierte das 1880 eingerichtet Ärztebüro im französischen Lourdes. 100.00 Frewillige kümmern sich pro Saison um rund sechs Millionen Pilger, die im Wasser der Quelle der heiligen Madonna baden, dem eine besondere energetische Wirkung zugesprochen wird.
Selbstverständlich versäumt es der Auto auch nicht ein ziemlich altes Buch als Beleg für seine These heran zu ziehen.
Von den 661Versen des Markus-Evangeliums beschäftigen sich fast ein Drittel mit Heilungstaten, Insgesamt werden in den vier Evangelien 26 Heilungen im Detail genannt. Die Wunder Jesu gelten kritischen Theologen als suspekt, aber genau durch sie kommt seine Mission ganz zum Ausdruck, als die des “Heilandes”, abgeleitet vom althochdeutschen “heilant”, Heiler, Erlöser. Jesus ist der Therapeut schlecht hin …
wie bitte ?
… die Ursache aller Genesung, Glaube ist danach kein Hobby, das man lassen kann oder auch nicht, sondern Zugang zu im Grunde unverzichtbaren Kräften.
Eine Erklärung inwiefern Jahrtausende alte Märchen und Mythen, die einige als von Gott diktiert oder inspiriert ansehen, evident für die postulierten Heilkräfte des Glaubens sein sollen, gibt es natürlich nicht. Stattdessen ein allgemein gehaltene Passage über die Heilkraft der Spiritualität:
Hinter dem Dogma von der Heilkraft der Spiritualität steckt die Überzeugung, dass Krankheit und Leiden auf eine falsche Lebensführung zurückgehen können, …
trivial aber soweit okay, aber weiter
… die im Widerspruch zur harmonischen Grundordnung der Schöpfung und zum Schöpfer selbst steht. Das dadurch gestörte Gleichgewicht zwischen Körper, Geist und Seele bringt den Menschen gewissermaßen auf die schiefe Bahn.
Solche Zeilen verursachen wahrscheinlich bei einigen Lesern ein starkes Pochen hinter den Schläfen, was sich im Einzelfall zu erheblichen Kopfschmerzen auswachsen kann. Ein solcher Leser könnte sich dann die Frage stellen, ob es das Lesen oder vielleicht nicht doch das Schreiben dieser Zeilen war, was die göttliche Grundordnung der Schöpfung aus dem Gleichgewicht gebracht hat. Immerhin, es kommt dann gegen Ende doch noch etwas Wissenschaft, bzw. etwas das so klingen soll oder vielleicht auch nur etwas, das Autor Seewald für wissenschaftlich hält:
Die Wissenschaft tat sich lange Zeit schwer mit der Homöopathie Gottes. […] Inzwischen ist nicht nur der Gesundheitsbegriff im Wandel - als ein mehrdimensionales und dynamisches Geschehen -, Hirnforschung und Psychologie finden zunehmend neue Zusammenhänge von Leib, Geist und Seele - und ihrem Bezug zu etwas das außerhalb des Selbst liegt.
Was der Autor damit meinen könnte, bleibt im Dunkel. Mit Wissenschaften kann es bis hierher sicherlich noch nicht viel zu tun haben. Doch in den nächsten Sätzen nennt immerhin zwei Fakten, die seine These von der Heilkraft des Glaubens untermauern könnten, wenn sie denn stimmen würden:
Nach einer Untersuchung an der Universität of Chikago, veröffentlicht in der Fachzeitschrift “Archives of Internal Medicine” ist die Hälfte der Ärzte in den USA heute davon überzeugt, dass Religion einen Einfluss auf die Gesundheit hat.
Eine ziemlich gewagte Aussage. Dr. Farr A. Curlin, der Autor der erwähnten Studie, wird von der ‘New York Times’ wie folgt zitiert:
“The most telling part of this outcome, is that it shows that what doctors bring to the data, whether religious or secular, seems to have as much to do with their interpretations of the data as the data itself.”
Und in der ‘New York Times‘ heißt es weiter:
Physicians with high levels of belief were more than seven times as likely as those with low levels to believe that religion is a large influence on health. While more than 90 percent of very religious doctors believed that religion and spirituality can often help patients cope with their problems, 38 percent of them nevertheless held that religious belief can sometimes lead to negative emotions.
Das Ergebnis ist also keinesfalls eine positive Wirkung der Religion (des Kranken) auf seine Gesundheit. Vielmehr ist die Religion des Arztes ausschlaggebend für die ärztliche Interpretation des Krankheitsverlaufs. Je gläubiger der Arzt desto eher glaubt er eine heilsame Wirkung von Religion zu bemerken. Eine Erkenntnis, die nicht wirklich überraschend ist.
Das zweite vermeintliche Fakt, das Autor Seewald nennt:
Das “Handbook of Religion and Health” führt über 1200 Studien an, von denen viele einen positiven Zusammenhang zwischen körperlicher Gesundheit und Religion belegen.
“1200 Studien, von denen viele…”? Das hört sich wirklich gut an ist aber (wahrscheinlich mit Absicht) höchst ungenau. Aus einer Rezension dieses Buches auf about.com:
At the same time, however, the authors admit that only a few of the studies were actually designed to test for whether religion had any influence on health — that means any conclusions drawn from the other studies must be regarded as somewhat tenuous. In fact, most of the beneficial findings they report seem to be anecdotal or serendipitous — considering just how much research is covered, the book doesn’t provide a great deal of support for those sympathetic to the idea that religion is important to good health. This is bound to be a disappointment for some readers whose hopes are raised by some of the early comments, like those which appear in the Foreword promising a “new paradigm” that will be based upon the information in the text.
[Die Autoren räumen ein, dass nur einige wenige der Studien geeignet sind um den Einfluss von Religion auf die Gesundheit zu bestimmen - was bedeudet, dass sämtliche Schlussfolgerungen daraus ziemlich dürftig sind. Tatsächlich sind die meisten heilsamen Befunde entweder anekdotisch oder zufällig.]
Wer sich dafür interessiert wie es tatsächlich um die Heilkraft von Religion bestellt ist, findet umfangreiche fundierte Analysen zum Thema, das zB bei einer Tagung zum kritischen Denken, “Wissen statt Glauben” erörtert wurde. James Randi zeigte in seinem Buch “Faith Helaers” eindrucksvoll, dass es keinen einzigen Fall von Wunderheilung gibt, der einer wissenschaftlichen Überprüfung standhält. Stattdessen zeigt er sich bei seinen Recherchen tief betroffen davon, wie das Leiden und die vermeintliche Heilung der Betroffenen propagandistisch ausgenutzt würde. Tatsächlich seien alle angeblich Geheilten, als er sie besuchte, entweder bereits an ihrem Leiden verstorben oder ihr Zustand habe sich seit der wundersamen Genesung drastisch verschlechtert.
Fazit: Es ist höchst bedauerlich, dass der Spiegel in diesem Magazin solcherlei gefährlichen esoterischen Hokuspokus eine Plattform bietet. Eine gute Gelegenheit solchem Unsinn entschieden entgegen zu treten wurde versäumt.

Peter Seewald - das klassische Renegatenschicksal
21. Dez. 2007 | #
Es ist unglaublich, wie schwer es ist, gegen dieses Pack von Wunderheilern und Scharlatanen zu argumentieren. Wie Seewald zieht jeder der z.B. an Homöopathie glaubt irgendeinen Bekannten oder Verwandten aus dem Ärmel, dem HP schon in irngendeiner Art und Weise einen Schnupfen statt in einer Woche in 7 Tagen wegkuriert hat. Manchmal könnte ich da echt verzweifeln und ein Spiegel-Special ist da nur noch Wasser auf die Mühlen… Augstein würde im Grab rotieren, wenn er das wüsste.
26. Dez. 2007 | #
[…] Thomas Schmidt kommt in seiner Kritik des Spiegel-Spezial “Gesund und glücklich” zum Fazit: “Es ist höchst bedauerlich, dass der Spiegel in diesem Magazin solcherlei […]
26. Dez. 2007 | #
Die Homöopathologie Gottes beschert mir gerade eine ausgewachsene Noncebo-Krise – will heißen mir wird schlecht. Tapfer lieber Autor, dass du dich der Strapaze unterzogen hast, dieses Elaborat zu besprechen. Ich hätte es nicht über mich gebracht. Ich wundere mich schon über den Begriff „Seele“, was ist das? Und wer behauptet, Kranke wären per se unglücklich, der war auch noch nicht krank.
5. Jan. 2008 | #