Italienische Markenschuhe, Luxusuhren aus der Schweiz, zollfreie Zigaretten und verführerische Dessous im Vatikaneigenen Konsumtempel.
Der Spiegel in seiner Vatikan-Kolumme UUPS! - ET ORBI
Wenn die Logik des Profits “die Oberhand gewinnt”, verstärkt sie “das Missverhältnis zwischen Reich und Arm”, redet Benedikt XVI. den Pilgern ins Gewissen, am Sonntag beim “Angelus” in Castelgandolfo. Währenddessen werden die Humidore neu bestückt mit “Cohibas”, 168 Euro das Dutzend, werden die Vitrinen mit den Schweizer Luxus-Chronometern poliert, wird all jenes auf Glanz getrimmt, was die feinen Unterschiede zwischen Arm und Reich so auszeichnet - mitten im Vatikan.
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In langen Reihen stehen handgenähte Schuhe aus England, hinter einer Vitrine glimmt die Longines-Collection “Dolce Vita”, gegenüber, in der Herrenuhrenabteilung etliche Paul Picot-Uhren schon ab 3675 Euro das Stück. Ein eigener Maßschneider hat Ballen englischen Tuchs vor sich ausgebreitet. In der Damenabteilung im zweiten Geschoss führen ein paar Stufen hinauf zur Dessousabteilung, mit Spaghetti-Tops, Seiden-Négligés und Pantys aus der “Hanro of Switzerland”-Kollektion Perfectly Nude - “Die Wäsche wird zur perfekten zweiten Haut, einem Erlebnis, das selbst unter der engsten Oberbekleidung unsichtbar ist”, wirbt die Firma.
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Aber wer, um Gottes Willen, trägt im Vatikan schon engste Oberbekleidung? Tatsächlich kaufen die Ordensschwestern ihre Unterwäsche meistens an den Billigständen der Srilanker auf der Via Ottaviano. Es seien, so verrät eine Kundin, meist Diplomatinnen, die hier einkauften, um vom Duty-free-Status des Kirchenstaats zu profitieren. Denn das mache bei einer Tagheuer-Uhr schon einige hundert Euro aus. Doch damit keiner vergisst, wo er sich befindet, hängt über dem Eingang ein, bis zur Unkenntlichkeit stilisiertes Kreuz aus edelschwarz glänzendem Material. Ora et Armani…
Für die weniger gut Betuchten gibt es auch etwas:
… in einem Hinterhof der Via di S. Pelegrino eine Zweigstelle des Apostolischen Almosenamts, das Amt für den päpstlichen Segen. Es ist ein kleiner Raum mit Tresen und am Vormittag so voll wie die New Yorker Börse zu Handelsbeginn. “Einmal V6 zur Hochzeit und zwei Geburtstagssegen V1, alles auf Spanisch!”, ist zu hören, und ein junger, dunkelbärtiger Pilger schiebt zwei Nonnen eine Kauforder über den Tresen.
Hier sind Papstsegen im Angebot. Es sind bunt gedruckte Urkunden, auf die ein Foto des Papstes geklebt ist und - in Kalligraphie und neuer Rechtschreibung - der Satz: “Seine Heiligkeit Benedikt XVI. erteilt von Herzen (Herrn und Frau Mustermann) den erbetenen apostolischen Segen anlässlich ihrer Vermählung, auf dass ihre Liebe, am Altar besiegelt, durch die Gnade Gottes jeden Tag aufs Neue Frucht bringe und erbittet die Fülle der göttlichen Gnaden.” Den Herzenssegen des Papstes gibt es in Din A4 schon ab 8 Euro, in höherwertiger Ausstattung (Modell V5, 35×50 cm, Bütten) für nur 23 Euro, selbstverständlich in allen Verkehrssprachen und zu allen Gelegenheiten: Taufe, Hochzeitstag, Geburt und Tod.
Das katholische Nachrichtenportal kath.ch über den pontifikalen Konsumpalast:
Denn das neue Kaufhaus des Papstes unter dem Gewölbe des Architekten Giuseppe Momo sticht mit seinem echten Marmor-Ambiente die Plastik-Architektur der weltlichen Wettbewerber aus. Und das Einkaufsparadies auf dem vatikanischen Hügel wartet mit einer Attraktion auf, die sonst niemand in Rom bieten kann: Eine Abteilung mit zollfreien Tabakwaren.
Bleibt ein Geheimtipp
Zu neuem Leben erweckt, bleibt der Bau am Rand der vatikanischen Gärten dennoch ein Geheimtipp. Kein Hinweisschild führt zu ihm, weder an der Fassade noch im Inneren preist ein Schriftzug das päpstliche Kaufhaus. Es hat offenbar (noch) keinen Namen. Das vatikaninterne “Wirtschaftsgesetz”, das dem Vatikanstaat das Handelsmonopol auf seinem Territorium einräumt, sieht ein “Magazzino economato” (Verkaufsladen des Wirtschaftsamtes) vor. Dieser Laden war bislang in den Verwaltungsräumen des “Governatorats” u ntergebracht, was mitunter zur Störung des dortigen Arbeitsbetriebes führte. Mit seiner Verlagerung in den Bahnhof ist der Name vorerst verschwunden.
Wer als Rombesucher hofft, in den Genuss steuerfreien Einkaufens unter päpstlicher Hoheit zu kommen, wenn er den Bahnhof nur findet, wird allerdings enttäuscht. Die Berechtigungs-Ausweise, die gleichzeitig auch für den vatikanischen Supermarkt, die so genannte “Annona” gelten, werden beim Bezahlen peinlich genau überprüft. Und am Ausgang wacht eine elektronische Kontroll-Schleuse darüber, dass niemand etwas unbezahlt mitgehen lässt.
