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  • 25. Sep. 2007

    Über Glaubensfragen und den Stolz einer säkularen Gesellschaft: Auszüge aus der Eröffnungsrede von Jan Philipp Reemtsma beim Philosophicum in Lech

    “Wo der Mensch sich nicht relativieren oder eingrenzen lässt, dort verfehlt er sich immer am Leben: zuerst Herodes, der die Kinder von Bethlehem umbringen lässt, dann u.a. Hitler und Stalin, die Millionen Menschen vernichten ließen, und heute, in unserer Zeit, werden ungeborene Kinder millionenfach umgebracht.” So der Kölner Kardinal Joachim Meisner in einer Predigt.
    Der Satz erregte Aufsehen. Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, sprach von einer Beleidigung von Millionen von Holocaust-Opfern und von Frauen, die sich in einer Notlage entscheiden müssten. Der Kardinal sagte daraufhin, er sei missverstanden worden und ließ bei der Drucklegung seiner Predigt den Namen Hitler weg. Es wird unter Ihnen wenige geben, die Meisners historische Reihenbildung billigen würden. Aber warum eigentlich? Weil es skandalös ist, die Ermordung von Millionen von Menschen gleichzusetzen mit Abtreibungen? Und damit entweder Frauen, die abgetrieben haben, mit SS-Mördern gleichzusetzen, Ärzte, die in Kliniken Abtreibungen durchführen, auf dieselbe moralische Stufe zu stellen, auf der ein Mengele steht, oder, umgekehrt, das Leid der in Auschwitz Ermordeten auf dieselbe Stufe mit der Tötung eines Embryos zu stellen? Wenn Sie über Meisners Satz empört sind - sind Sie dann über diesen Vergleich empört? Oder sind Sie darüber empört, dass Meisner katholisch ist?
    […]
    Was verstehe ich unter Religiosität? Ich brauche natürlich einen weiten Begriff, der nicht nur Christen, Juden und Moslems, sondern auch Zeugen Jehovas und Animisten einschließt, oder sagen wir: nicht von vornherein ausschließt. Ich denke, dieser Begriff ist tauglich: Religiosität besteht in der Überzeugung, dass die Welt nicht aus sich heraus verstanden werden kann.
    Religiös ist derjenige, der meint, was immer wir auf diesem oder jenem Wege noch über die Welt herausbekommen können: das, was die Welt im Innersten zusammenhält, das Geheimnis der Welt, ihr Sinn - also irgendwie: das Eigentliche wird es nicht sein. Und: auf dieses Eigentliche kommt es an. Denn wer sagt, die Wissenschaften könnten auf alle diese Fragen keine Antwort geben, aber er empfinde das auch keineswegs als Mangel, ist deutlich nicht religiös. Religiös ist derjenige, der die Welt aufteilt in das, was unserem Wissenwollen zugänglich und gerade darum nicht das Wesentliche ist, und das andere, Wesentliche, zu dem es einen anderen Zugang geben muss.
    Wo nun liegt das Problem des Respekts? Nun, es liegt in dem Umstand begründet, dass es Viele gibt - vor allem Religiöse -, die der Ansicht sind, die säkulare Gesellschaft brauche das religiöse Element, weil nur darin etwas zu finden sei, was jede Gesellschaft dringend nötig habe, die säkulare Gesellschaft aber aus sich heraus nicht produzieren könne. Auf Nachfrage, was das sei, bekommt man zu hören: “Sinn” oder “verbindliche Werte” oder “Orientierung”.
    […]
    Aber wie dem auch sei. Wenn es zuträfe, dass die säkulare Gesellschaft nicht wirklich lebensfähig wäre ohne Religiosität in ihr, folgte daraus, dass der Religiosität tatsächlich - und zunächst einmal ohne Ansehen ihres jeweiligen Aussehens - Respekt entgegengebracht werden müsste, denn man sollte nicht das missachten, worauf man angewiesen ist.
    Die Vorstellung, die säkulare Gesellschaft bedürfe der Kompensation ihrer Sinndefizite durch Religiosität, ist einfach eine falsche Beschreibung der Sachlage. Nur in der theokratischen verfassten Gesellschaft wird Sinn verordnet - und nur an dieser Verordnung mangelt es der säkularen Gesellschaft. Aber dieser Mangel ist ihre Würde. Und es ist dieser Mangel, der verbürgt, dass jeder glauben kann, was er will - und, vor allem, dass er auch keinen Glauben heucheln muss, wenn er an gar nichts glaubt.
    […]
    Der Respekt, den die säkulare Gesellschaft dem Religiösen entgegenbringt, ist ebenderselbe, den sie dem Nichtreligiösen entgegenbringt. Es ist der Respekt vor seinem Privatleben. Er besteht in der berühmten Maxime Friedrichs II. von Preußen, es möge jeder nach seiner eigenen Façon selig werden, oder der von Thomas Jefferson, dass es ihn nichts angehe, ob sein Nachbar an einen, zwei oder gar keinen Gott glaube - das tue ihm nicht weh und mache ihn nicht ärmer.

    Der Volltext der Rede von Jan Philipp Reemtsma als pdf-Datei.

    2 Kommentare »

    1. emporda schreibt:

      König Herodes (basileus) stirbt nach langem Siechtum im April 4 v.C. Der vorgesehene Nachfolger Antipater wird wegen Hochverrat 5 b.C. hingerichtet. Der Sohn Antipas (20 v.C. - 40 n.C.) wird Regionalherrscher (tetrarch) von Gallilea und Perea (Westbank) bis zur Verbannung nach Lyon 39 n.C. Etwa 34 n.C. heiratet er seine Schwägerin Herodias, deren Intrigen ihm den Thron kosten. Der Sohn Antipas exisitert in der Bibel nicht, Herodes regiert dort etwa 80 Jahre bei nur 69 Jahren Lebenszeit. Der Sohn Archelaus (23 v.C. – 18 n.C.), wird auf Weisung von Kaiser Augustus nur nationaler Führer (ethnarch) von Samaria, Idumäa, Judäa und wegen Unfähigkeit 6 n.C. nach Vienne in Gallien verbannt. Während Archelaus nach Rom reist, kommt es unter Führung von Judas, Simon und Athronges zu Aufständen, die durch 4 Legionen unter Publius Quinctilius Varus niedergeschlagen werden, Judäa, Samaria und Idumea werden zur römischen Provinz.

      Ein Jesus ben Stada war ein Agitator, den römische Soldaten als Störenfried in Lydda 15 km vor Jerusalem kreuzigten, was spätere religiöse Phantasten für ihre Jesuslegende nutzten. Ein Aufstand gegen die Römer 66 n.C. war schnell beendet, Qumram fiel 68 n.C., der Tempel in Jerusalem 70 n.C. und die Bergfeste Massada 73 n.C. Im Anschluss an den Aufstand wurde das Land säkularisiert, Tempel und Priester existierten nur noch im Untergrund. Die religiösen Phantasten der hebräischen Tempelkultur sind nicht in die Welt gezogen das Christentum zu verbreiten, sondern um die eigene Haut zu retten.

      Der letzte Herodes Sohn Philippos (20 v.C. – 34 n.C.) regiert als Regionalkönig (tetrarch) Itureäa und Trachonitis. Unter Kaiser Tiberius Caesar Augustus (42 v.C. – 37 n.C.) übernimmt der Herodes Enkel Agrippa I im Jahre 37 n.C. die Regentschaft des Philippos, unter Kaiser Gaius Caesar Augustus Germanicus (12 n.C. – 41 n.C.) die Gebiete des Antipas und unter Kaiser Tiberius Claudius Nero Germanicus (10 n.C. – 54 n.C.) auch noch die des Archelaus. Publius Sulpicius Quirinius (45 v.C. – 21 n.C.), römischer Proconsul in Syrien hält 6 n.C. in Judäa und Samaria eine Volkszählung zur Steuerschätzung ab wie bereits 14 Jahre vorher in den Provinzen Syrien und Judäa. In Galiläa gab es in römischer Zeit keine Volkszählung. 1961 n.C. wurde in einer Höhle am Toten Meere ein römisches Steuerformular von 127 n.C. gefunden, Volkszählungen zur Steuerschätzung sind in Ägypten und Babylon seit 3050 v.C. bekannt. Josef und Maria sollen als römische Bürger im Herbst 3 v.C. nach Bethlehm gereist sein um vorhandenen Besitz zu reklamieren, aber ein römisches Familienmitglied hätte nur direkt von Publius Sulpicius Quirinius verurteilt werden können und niemals von den lokalen Vasallen. Die jüdische Führung mit Kaiphas besaß zur Zeit Jesu nicht das Recht auf Kapitalgerichtsbarkeit, formaljuristisch widerspricht das in der Bibel geschilderte Verfahren den zeitgenössischen Rechtsgrundsätzen.

      29. Dez. 2007 | #

    2. sapere aude » Blog Archive » Jan Philipp Reemtsma: Muss man Religiösität respektieren? schreibt:

      […] von Jan Philipp Reemtsma beim Philosophicum in Lech (PDF) via Skepticker Posted in Allgemein […]

      10. Jun. 2008 | #

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