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  • 20. Sep. 2007

    Heute: die WAZ

    Kommentare sind eine schöne Gattung von Pressetexten, da sie vor allem Meinungen transportieren sollen. Insofern geben sie oft die besten und ehrlichsten Einblicke in die Denkstrukturen von Journalisten, die sich meistens intern erst für diese „Königsdisziplin“ qualifizieren müssen. Rolf Potthoff zum Beispiel schreibt Kommentare in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) aus Essen, immerhin laut eigener Darstellung „Deutschlands größte Regionalzeitung“. Diese fällt säkularen Beobachtern allerdings seit geraumer Zeit vor allem dadurch auf, dass sie sich in der weitgehend monopolisierten Presselandschaft des Ruhrgebiets mehr und mehr in ein Hofberichterstattungsorgan kirchlicher Einrichtungen verwandelt hat.

    In der Ausgabe vom 20. September verteidigt Rolf Potthoff in seinem Kommentar zum neuen „Karrikaturenstreit“ rund um den Schweden Lars Vilks zunächst grundgesetzlich garantierte Selbstverständlichkeiten, verwahrt sich gegen die Bevormundung der Kunst und warnt vor „devoter“ Nachgiebigkeit in der Sache.

    Ach, hätte er doch an dieser Stelle aufgehört!

    Hat er aber nicht, sonst würde er ja nicht im SkepTicker landen. Nein, er hat den Kommentar mit einer Reihe von Abenteuerlichkeiten garniert. Denn er meint doch tatsächlich es gäbe „keinen plausiblen Grund, religiöse Gefühle zu verletzen“, denn das geböten „schlicht Anstand und Respekt vor der Verbundenheit anderer mit ihrer Religion.“

    Nun ist das mit den „religiösen Gefühlen“ ja so eine Sache: Verletzt man nicht auch „religiöse Gefühle“, wenn man gegen das Handabhacken als Strafe für Diebstahl auftritt oder gegen die staatlich angeordnete Ermordung von „untreuen“ Ehefrauen oder Homosexuellen anschreibt? Oder wenn man sich darüber lustig macht, dass sich ein alter deutscher Mann in Rom im Besitz der letztgültigen „Wahrheit“ wähnt? Ist es tatsächlich ein Zeichen von „Anstand“ und „Respekt“, wenn man in diesen Fällen auf die Verletzung religiöser Gefühle verzichtet?

    Auf der formalen Ebene wird die Kunstfreiheit gerne juristisch verteidigt. Auf der inhaltlichen, ethischen Ebene zeigt nicht nur Potthoff Verständnis für die moralische Entrüstung gewisser islamischer Kreise. An Vilks kritisiert der WAZ-Kommentator genau das, was eben genau auch Aufgabe der Kunst ist: „Tabubrüche“ in der Absicht, „an intimsten Empfindungen zu rühren“. Wenn Herr Potthoff meint, dass es „Sache des Chefredakteurs gewesen“ wäre, „die Karikaturen zu stoppen, die Würde des Blattes und den Mann vor sich selbst zu schützen“, dann maßt er sich an, darüber zu urteilen, welche Kunst „würdelos“ sei. Von hier aus hat man es nicht mehr weit bis zu den Unworten des Herrn Meisner aus Köln.

    Und selbstverständlich kann es bei Kunst und Satire keinen „Artenschutz“ für „religiöse Gefühle“ geben. Denn die „Verbundenheit“ der Menschen mit ihrer Religion ist letztlich eine selbst gewählte. Menschen, die nicht in der Lage sind, zwischen einem satirischen Angriff auf eine mythologische Figur und einem Angriff auf die eigene Person zu unterscheiden, befinden sich in der an sich beklagenswerten seelischen Notlage, nicht ausreichend zwischen Fiktion und Wirklichkeit unterscheiden zu können. Es macht eben einen Unterschied, ob ich einen (seit mehreren Jahrhunderten verstorbenen) „Propheten beleidige“ oder einen (realen, lebendigen) Menschen. Für diese Notlage ist das religiöse Glaubenssystem verantwortlich, nicht Kunst und Satire!

    Zum Ende des Kommentars beglückt uns Herr Potthoff noch mit der Weisheit, dass es „dumm“ sei, mit Karikaturen „religiös zu provozieren“, denn dies helfe „vor allem Islamisten, Ressentiments gegen den „gottlosen Westen“ zu schüren.“ Das verstehe, wer will: Erst meint er, man dürfe sich „religiösem, staatlichem oder ideologischem Druck“ nicht beugen, und erklärt dann Menschen, die nach diesem Vorschlag verfahren als „dumm“, weil dies ja wieder den religiösen Druck bzw. „Ressentiments gegen den Westen“ schüre.

    Zu alledem bietet Herr Potthoff selbst noch das passende Zitat: „Ein Irrwitz, was sich da abspielt“. Wohl wahr.

    1 Kommentar »

    1. L.E.N. schreibt:

      Sehr schön formuliert!
      ‘„Artenschutz“ für „religiöse Gefühle“’ - herrlich!

      Danke, Wolfgang!

      21. Sep. 2007 | #

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