Meisner hat sich für seine Entgleisung entschuldigt, er bedauert nun in einem Beitrag der FAZ die Verwendung des Begriffs “entartet” und bezeichnet sie als unnötig. Dass er also aus diesen unsäglichen, stark vorbelasteten Begriff verzichtet wird zwar allgemein begrüßt, dass er jedoch die Diffamierung Andersdenkender mit keiner einzigen Silbe zurücknimmt und sogar noch einmal bestätigt fällt niemanden auf.
Herr Meisners Entschuldigung in der FAZ:
Ich wiederhole: Ich bedaure ausdrücklich, dass diese Vokabel in der verkürzten Form des aus dem Zusammenhang gelösten Zitats Anlass zu Missverständnissen gegeben hat. Das Wort ist ohne Substanzverlust für mein Anliegen und meine Aussage ersetzbar: Dort, wo die Kultur – im Sinne von Zivilisation – vom Kultus – im Sinne der Gottesverehrung – abgekoppelt wird, erstarrt der Kultus im Ritualismus, und die Kultur nimmt schweren Schaden. Sie verliert ihre Mitte.
Herr Meisners Klarstellung in der FAZ:
Den von der Nazi-Ideologie missbrauchten Begriff der Entartung habe ich in diesem Zusammenhang gegen diese und alle Formen totalitärer Kulturen verwendet, um sie mit ihrem eigenen Vokabular zu kennzeichnen und zu entlarven: Kultus und Kultur – im Sinne von Gottesverehrung und Gesellschaft – nehmen Schaden, wenn Gott nicht mehr in der Mitte steht.
Herr Meisner widerholt seine Diffamierung:
Das ist der Zusammenhang, in dem ich in meiner Predigt zur Eröffnung unseres Diözesanmuseums Kolumba das ideologisch besetzte Wort „entartet“ verwandt habe. Ich habe zunächst dargelegt, dass „durch die Menschwerdung Gottes jeder Mensch vom Glanz Gottes berührt und geprägt ist“. Deshalb ist es eine große „Pervertierung“ des Menschen, „wenn er diese Identifikation auf Gott hin vergisst und dadurch zum Ohne-Gott oder gar zum Antigott wird…
Zusammengefasst lauten die aktualisierten Einsichten des Atheistenhassers Meisner:
1. Ohne Gottesverehrung nimmt Kultur schweren Schaden
2. Ohne Gottesverehrung nehmen Kultus und Kultur Schaden
3. Der Mensch pervertiert weil er eine Identifikation auf Gott hin vergisst und zum “Ohne-Gott” also Atheisten wird.
Ergänzend noch zwei Kommentare zur Causa Meisner - zunächst die Welt. Sie titelt “Ein Kardinal im Fokus der Wortpolizei” und fragt ganz unschuldig: “Kardinal Meisner hat mit seiner Predigt zur Einweihung des Kölner Diözesanmuseums Kolumba Anstoß erregt – darf er das?“, und zählt auf was man zr Verteidigung Meisner vorbringen könnte:
Der Erzbischof von Köln ist nicht Kanzlerin der Bundesrepublik. Ein Bischof muss anders sprechen dürfen als alle Politiker (auch wenn sie sich oft dem Gegenteil anpassen). Zweitens: Worte wie „Kraft“, „Freude“, „Glaube“, „Schönheit“, „Schock“, „Schöpfung“ oder etwa „entartet“ dürfen nicht auf ewig durch die Nazis und deren verführerische Metaphern (wie „Kraft durch Freude“, „Glaube und Schönheit“, „Schock und Schöpfung“ oder „entartete Kunst“) als beschlagnahmt gelten. Es darf nicht als „geistiger Brandstifter“ denunziert und gejagt werden, wem dennoch wieder einmal eins dieser kontaminierten Worte über die Lippen kommt. Und so weiter und so fort.
Und schon wäre man in eine völlig falsche Richtung getragen worden. Denn der Fall ist sehr viel schlichter und infamer.
Ein sehr zweifelhafter Versuch der Entlastung Meisners und eine sehr merkwürdige Zusammenstellung, nicht nur wegen der scheinbar gleichberechtigten Aufzählung von unschuldigen Wörtern wie Kraft, Freude oder Schönheit im Zusammenhang von “entartet”. Dann schließlich folgt die “Rekonstruktion des kleinen Medienskandals”:
Der wirklich kritische Teil des Falles ist freilich sehr viel schwieriger zu rekonstruieren. Saß da nun wirklich jemand mit einer Art digitalem Scanner, dessen Worterkennung automatisch aufleuchtete, sobald im Dom ein Wort fiel, das aus dem Wörterbuch korrekter oder „gerechter“ Sprache“ herausfällt – unabhängig von jedem Zusammenhang? Am Freitag muss es in Köln wohl so gewesen sein. Gute Nacht, wenn solche Wortpolizisten demnächst in jeder Moschee, Synagoge und Kirche sitzen. Bei dem Wörtchen „entartet“ war die Maschine jedenfalls angesprungen. Schon am Abend überschlugen sich die fiebrigen Kommentare zu Meisners Verdammung „entarteter Kunst“. Er hat den Ausdruck nicht einmal in den Mund genommen. Doch egal, Meisner – na klar – muss es wohl so gemeint haben.
Was uns der Autor damit sagen bleibt ziemlich im Trüben - völlig kryptisch ist jedoch der Schluss des Artikels:
Da steht Meisner auf der einen Seite meistens allein und an vorderster Front, etwa bei Fragen der Abtreibung, der sexuellen Orientierung, der Gender-Debatte oder anderen neu entdeckten Menschenrechten. […] Auf der anderen Seite steht ihm in den Foren des Zeitgeistes allerdings eine Phalanx von Gegnern gegenüber, die auch keine Chorknaben sind. Hier ist es die Koalition einer höchst aggressiven laizistischen Kultur, deren Agenten – auch innerhalb der Kirche! – ihre Anliegen ohne alle Bandagen austragen. Unter ihnen haben viele mit dem Kardinal noch eine Rechnung offen, seit er vor drei Jahren in Köln einen „heiligen Karneval“ feierte. Das Imperium schlägt nicht zurück. Es hat Joachim Meisner nur wieder einmal ein Bein gestellt.
Das reibt man sich verwundert die Augen. Meisner wurde Opfer einer innerkirchlichen Intrige und von entarteter Kunst zu schwadronieren ist völlig in Ordnung?
Klarere Worte hingegen findet ein Kommentar der Rheinischen Post
Der Begriff von der “entarteten” Kultur ist kontaminiert mit Unmenschlichkeit, und er wird nicht stubenreiner, wenn er “nur” rhetorisch und in anderen Kontexten gebraucht wird. Joachim Kardinal Meisner hat für seine gar nicht mal unbedachte Wortwahl reichlich Kritik kassiert, der er mit immer weiteren Klar- und Richtigstellungen begegnete. Damit aber war der Kardinalfehler nicht aus der Welt zu schaffen, weil alle Selbstauslegungen des Erzbischofs immer nur eins zeigten: das fehlende Verständnis für jene Menschen, denen Nazi-Worte Pein bereiten, für die der Jargon der Massenmörder im wahrsten Sinne des Wortes furchterregend ist. Nirgendwo ist da ein Spielraum für Exegese. Wer den Begriff der Entartung rhetorisch nutzbar macht, relativiert - auch ungewollt - das Wüten der Nazis. Dass der Kölner Erzbischof jetzt Missverständnisse seiner Predigtworte “bedauert”, ändert nicht viel. Er hat, so scheint es, seinem Kardinalfehler keine Kardinaltugend folgen lassen können. Denn von der Einsicht eines Irrtums ist nicht die Rede. Meisner hat nur die diplomatische Reißleine gezogen.
