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  • 18. Sep. 2007

    Pressestimmen und Kommentar zu Meisners neuerlichen verbalen Entgleisung

    Die Vorgeschichte:

    Bei einer Veranstaltung im Kölner Dom anlässlich der Einweihung des neuen Kunstmuseums Kolumba sagte Kardinal Joachim Meisner

    Dort, wo die Kultur vom Kultus, von der Gottesverehrung abgekoppelt wird, erstarrt der Kult im Ritualismus und die Kultur entartet.”

    Einhellig wie selten war die Entrüstung über das Zitat. Der Zentralrat der Juden, sagte Meisner sei

    ein notorischer geistiger Brandstifter, der versucht, die Grenzen des Erlaubten nicht nur auszutesten, sondern der sie vorsätzlich überschreitet

    Main-Echo, Aschaffenburg

    Denn Meisners Kulturvergleich vom Freitag ist nicht nur kein Zufall, es ist die weitere Steigerung in der Wortwahl des Kardinals, der an einer fundamentalistisch-christlich orientierten katholischen Kirche die Welt genesen sehen will. (…) Meisner ist das Kreuz, das die katholische Kirche in Deutschland zu tragen hat. Während allerdings eine öffentlich-rechtliche Institution wie der NDR sich von einem wohl tatsächlich unbedarften Geist wie Eva Herman trennen und damit sich nach innen vom Leidensdruck und nach außen von einem Ungeist distanzieren kann, bleibt den Mitgliedern der geistigen Institution katholische Kirche nichts anderes übrig, als dieses Kreuz weiter mit sich zu tragen.”

    Ostsee-Zeitung, Rostock

    Der 73-jährige, erzkonservative Kardinal hat bereits früher etwa Abtreibungen in der Gegenwart mit den Mordtaten Hitlers und Stalins gleichgesetzt. Er löste Proteststürme aus. Nun geht er noch weiter. Denn wer meint, dass wenn “Kultur vom Kultus, von der Gottesverehrung abgekoppelt wird”, der Kult im Ritualismus erstarrt und “Kultur entartet”, provoziert auf infame Weise. Grenzt Meisner doch damit Kultur ohne Religion aus. Damit würde ungeheuer viel Wertvolles - von Picasso-Gemälden bis zu Heine-Versen - abgewertet. Alles, was ohne den Segen der Kirche entsteht, trüge einen großen Makel.”

    Lübecker Nachrichten

    Wer das Wort entartet im Zusammenhang mit Kunst und Kultur benutzt, muss wissen, wer das wann geprägt hat und warum. Wer es dann trotzdem heute wieder verwendet, muss erst recht wissen, welche Assoziationen er damit auslöst. Offensichtlich spekulieren die Damen und Herren Oettinger, Herman, Meisner und Co. auf mächtige Resonanz einer entsprechenden Sympathisantenszene. Vielleicht gibt es die ja auch. Aber noch gibt es sehr viel mehr Menschen, die kaum glauben können, was sie da wieder aus der extrem klerikal-konservativen Ecke zu hören kriegen. Gut, dass alle demokratischen Parteien sich entsprechend geäußert haben.”

    Offenburger Tageblatt

    “Durch seine Ausrede wird die verbale Entgleisung nicht aus der Welt geschaffen. Denn Joachim Meisner ist nicht irgendein Laienprediger, der sich auf der Kanzel vergaloppiert hat, sondern er ist ein Kardinal, der vom gesprochenen Wort lebt, der jedes Wort so meint, wie er es sagt. Zum Selbstverständnis des Kardinals und der katholischen Kirche gehört es eben, im Wissen zu sein, die einzige Wahrheit für sich gepachtet zu haben. Und da kümmert man sich eben nicht darum, was andere über Sprache, Geschichte und Kunst denken.”

    Prof. Sternberg, Sprecher für kulturpolitische Grundfragen des Zentralkomitees der deutschen Katholiken im Kölner Stadtanzeiger, sitzt außerdem für die CDU im Landtag Nrw und ist dort Vorsitzender des Kulturausschusses ‘entschuldigt’ den Kardinal im Kölner Stadtanzeiger:

    KSt: Sprechen wir über das, was er nach eigenem anschließenden Bekunden gesagt haben wollte: Kunst ohne Kult leidet Schaden. Stimmt das?

    STERNBERG: Ich glaube, der Kardinal hat sich geärgert über das abstrakte Gerhard-Richter-Fenster im Dom. Aber eine Kunst, die immer genau sagt, was sie meint, verkommt zur bloßen Illustration. Der Kardinal hat da wohl etwas schlichte Vorstellungen. Er hat immer wieder gesagt, er könne sich nicht mehr an die Predigten seiner Kindheit erinnern, aber an die Bilder. Das ist ein religionspädagogisches Konzept von Kunst. Meisner versteht nicht, was der Mehrwert von Kunst ist.

    KSt: Es heißt immer, Kardinal Meisner habe durchaus Sinn auch für moderne Kunst.

    STERNBERG: Das ist es ja, was mich wundert. Da hat er nun seine ganze Zeit in Köln damit zugebracht, mit Engagement und ja, auch mit Mut diesen wunderbaren Neubau des Diözesanmuseums Kolumba durchzusetzen. Und dann begeht er kurz vor der Altersgrenze solche Torheiten. Ich kann mich des Mitleids mit einem Mann nicht erwehren, der in jedes Fettnäpfchen tritt.

    Gibt es gerade hier ein Muster? Meisner hat die Abtreibungspille Mifegyne mit Zyklon B verglichen, dem zur Vernichtung der Juden eingesetzten Gas. Er hat Abtreibung und Holocaust in einem Atemzug genannt. Und jetzt spricht er von entarteter Kunst.

    STERNBERG: Es wäre unangemessen, den Kardinal in die rechtsradikale Ecke zu stellen. Ich glaube, das hat mit seinem Alter zu tun, und ich will ihm zugute halten, dass er schlechte Berater hat - oder gar keine. Er versteht das nicht und ist sich über die Folgen solcher Aussagen nicht im Klaren. Man sieht daran, wie gut es ist, dass Bischöfe mit 75 ihr Rücktrittsgesuch einreichen müssen.

    Sehr aufschlussreich ist auch die Stellungnahme des Erzbistums Köln. Meisner nimmt nichts zurück, verwahrt sich vielmehr gegen Unterstellung und bedauert das Missverständnis:

    Kardinal Meisner bedauert, dass durch die aus dem Zusammenhang gerissene Missinterpretation eines einzelnen Wortes die Schönheit einer seit Jahren mit Freude erwarteten Feier überschattet worden sei. Dies habe das Museum Kolumba, das eine der bedeutendsten Einrichtungen seiner Art in Köln und darüber hinaus ist, nicht verdient.

    Zugleich ist er entsetzt darüber, dass sein gesellschaftlicher Appell, den Bezug zu Gott zu bewahren, durch reflexhafte Unterstellungen zunächst einzelner Personen in der Öffentlichkeit völlig verzerrt worden sei. Es ist nach seiner Überzeugung die unbedingte Pflicht eines Bischofs, gerade bei der Eröffnung eines kircheneigenen Kunstmuseums an die engen Beziehungen zu erinnern, die zwischen Kultur und Gottesverehrung (Kultus) bestehen sollen. Genau dies habe er in seiner Predigt mit dem Satz tun wollen: „Dort, wo die Kultur vom Kultus, von der Gottesverehrung abgekoppelt wird, erstarrt der Kultus im Ritualismus und die Kultur entartet.“ Mit „Kultur“ bezeichnet er dabei die gesamten Lebensäußerungen einer Gesellschaft, nicht nur den „Kulturbetrieb“. Er wiederholt damit, was er bei vielen Gelegenheiten nicht müde wird zu betonen: Ein entgöttlichtes Zusammenleben der Menschen degeneriert zur totalitären Unkultur, weil ohne Gott die Maßstäbe des Menschlichen fehlen. Die Äußerung des Kardinals wendet sich also weder gegen bestimmte Kunstformen, Kunstwerke oder Künstler, noch will sie irgendjemanden diskreditieren oder gar diffamieren.

    Ich kann mir nicht helfen, aber als Gottloser fühle ich mich schon durch die Behauptung mein Zusammenleben mit anderen Gottlosen sei ‘zur totalitären Unkultur degeneriert‘ diskriminiert und diffamiert, sogar ziemlich deutlich. Ich vermute es wird vielen Atheisten und sicherlich auch einigen Agnostikern gehen wie mir. Immerhin, eines muss man den Leuten vom Bistum Köln hoch anrechen. Sie geben nicht nur zu, dass Meisner ein Wiederholungstäter ist ‘er wiederholt damit‘ (siehe auch hier) sondern gestehen sogar ein, dass er ‘bei vielen Gelegenheiten nicht müde wird [diese seine Entgleisungen] zu betonen‘.

    3 Kommentare »

    1. Der Kardinalfehler - das Nachspiel | SkepTicker schreibt:

      […] Meisner hat sich für seine Entgleisung entschuldigt, er bedauert nun in einem Beitrag der FAZ die Verwendung des Begriffs […]

      19. Sep. 2007 | #

    2. Und täglich grüßt das Murmeltier: Die Presse und die „religiösen Gefühle“ | SkepTicker schreibt:

      […] urteilen, welche Kunst „würdelos“ sein. Von hier aus hat man es nicht mehr weit bis zu den Unworten des Herrn Meisner aus […]

      20. Sep. 2007 | #

    3. alian schreibt:

      Die meisten Pressekommentare spiegeln einen indifferenten und blödsinnigen Zeitgeist wider. Meisner hat als hoher Repräsentant der Sekte der er angehört nur folgerichtig argumentiert. Das Problem, dass die Öffentlichkeit damit hat,ist, dass sie damit konfrontiert wird, dass die Kirche eben nicht gut, freundlich und menschenliebend ist, wie man sie gerne hätte und empfinden würde.
      Kirche (Religion) ist menschenverachtend, bzw. sie hat einen unerträglich niedrigen “Wellness-Faktor”!
      Meisner ist bloß ehrlich und authentisch!

      23. Sep. 2007 | #

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