Kaiser Konstantin erobert erneut seine ehemalige Residenz. In Triers Innenstadt blickt Konstantins Konterfei kaiserlich entrückt vieltausendfach plakatiert über seine einstige Wahlheimat und an allen zentralen Plätzen stolpert der Besucher über die gigantischen Repliken der imperialen Füße.
Anscheinend meinte man nur mit Gigantomanie dem Anlass gerecht werden zu können. Die Ausstellungstrilogie, die sich auf drei Museen verteilt und 6,6 Millionen Euro kostete, zeigt auf 3000 qm rund 1500 Exponate, von denen viele aus 160 verschiedenen Museen weltweit ausgeliehen wurden, ist immerhin ein Beitrag des des Landes Rheinland-Pfalz zur Kulturhauptstadt 2007 „Luxemburg und Großregion“ und steht unter der Schirmherrschaft
des Bundespräsidenten.
Das Kernstück befindet sich im rheinischen Landesmuseum („Herrscher des römischen Imperiums“): Um die machtvolle Größe des Kaisers spürbar zu machen, wurde der sechs Tonnen schwere, beinahe drei Meter messende kolossale Kaiserkopf aus den Kapitolinischen Museen in Rom mit modernster Technik in Originalgröße aufwendig in Marmor repliziert. Das Duplikat ist so gut, dass das Original in Rom nach Ende der Trierer Ausstellung durch die Replik ersetzt werden wird.
Das Stadtmuseum Simeonsstift (”Tradition und Mythos”) konzentriert sich vor allem auf die Verehrung Konstantins durch die Ostkirche, für die er bis heute ein Heiliger ist, während sich das Bischöfliche Dom- und Diözesanmuseum („Der Kaiser und die Christen“) Konstantins als Wegbereiter für das Christentum widmet.
Gewiß - die aus aller Welt zusammen getragenen Exponate sind von unschätzbaren Wert. Nicht nur in der Lokalpresse wurde bereits der Transport einzelner Stücke als Sensation bejubelt. Etwa der Esquilinschatz aus dem British Museum London, die Marmorporträts von Konstantins Vater aus Kopenhagen und Berlin, oder die goldene Reliquie mit des Kaisers Unterarm, die wie in einem Agentenfilm (SZ) im Aktenkoffer aus dem Kreml herbeigeschafft wurde. Das alles ist sensationell und pompös, so sensationell und pompös, dass es den Besucher, der sich auf den dreistündigen Austellungsmarathon begibt, allein mit seiner schieren Masse erschlägt. Dennoch bleibt das Bild Konstantins ebenso blass wie das seines überlebensgroßen Konterfeis in Marmor. Kaum mal ein kritischer Blick auf Konstantin als Diktator, Despot, Kriegsfürst und Mörder, dem selbst für einen römischen Kaiser ungewöhnliche Grausamkeit und Bigotterie attestiert werden kann:
Prof. Dr. Josef Engemann, einer der beiden wissenschaftlichen Leiter auf der Homepage der Konstantinaustellung:
Frage: Warum ist die Ausstellung im Jahr 2007?
Engemann: Weil Konstantin im Jahre 307 Fausta heiratete und die Hochzeit vielleicht in Trier gefeiert wurde.
Das ist wahrscheinlich richtig und klingt wegen des vielleicht erstaunlich offenherzig. Richtig ist auch: Konstantin, dessen unehelicher Sohn Crispus gerade das Licht der Welt erblickt hatte, wurde 307 vom Altkaiser Maximianus zum Augustus berufen und heiratete dessen zehnjährige Tochter Fausta. Maximianus starb kurz darauf unter dubiosen Umständen eines unnatürlichen Todes. Umstände, an denen vorsichtig formuliert, Konstantin wohl nicht gänzlich unbeteiligt war. Kaum 20 Jahre später, die genauen Umstände sind ebenfalls umstritten, befahl Konstantin die Ermordung seines ältesten Sohnes und wenig später auch die Hinrichtung seiner Frau Fausta.
Ein Besuch der Ausstellung sei dem interessierten Leser dennoch empfohlen. Im Hinterkopf behalten sollte man vielleicht einen Satz Horst Herrmans, der in der MIZ über die Ausstellung schrieb:
Und einmal mehr beweist sich die Macht der historischen Interpretation: Was selbst der christliche Gott nicht kann, nämlich die Fakten zu verändern, schaffen Historiker mühelos. Manche von ihnen haben auf Jahrhunderte hinaus Erfolg mit ihrem Umdeuten, Verschweigen, Verdrängen.
Die Folgen? Nero gilt beispielsweise, völlig ahistorisch, als Tyrann und Christenverfolger, Konstantin dagegen, ebenso ahistorisch, als milder Herrscher und Vorbild schlechthin. In den Fällen beider Kaiser sind Wünsche Väter des Gedankens, und die oft angemahnte Objektivität bleibt auf der Strecke.
Den vollständige Artikel “Konstantin der Grobe Oder: Zum Umgang mit Fiktionen und Fakten“, dessen Lektüre dem Besucher zur Abrundung des von der Ausstellung einseitig gezeichneten historischen Bildes dringend angeraten ist, findet man auch Online im Archiv der MIZ.
