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  • 13. Sep. 2007

    Zunächst kritisierte der Kasseler Biologe Ulrich Kutschera gleichenorts den Kreationismus in Deutschland. Als Reaktion hierauf nahm nun sein Münchener Kollege Siegfried Scherer entschlossen die Balancierstange in die Hand.

    Nach den ersten beschwichtigenden Worten - wie sehr man sich doch abhebe von den ansonsten mit diesem Begriff verbunden, aber ultrakrassen Kreazzis – dann endlich Konkretes: So soll also die Entstehung biologischer Information noch nicht gelöst - und damit die bisher vorgeschlagenen Makroevolutionstheorien ziemlich in Frage gestellt sein.

    Nun geht Scherer nicht allzu sehr - will heißen: überhaupt nicht - ins Detail, wer da nun welche ominöse Makroevolutionstheorie vorgeschlagenen haben will. Schließlich ist, wenn wir von Evolutionstheorien sprechen, das, was mithin als Makroevolution bezeichnet wird, selbstverständlich schon mit einbezogen. Das nun das Prinzip von Versuch und Irrtum – in der Biologie bekannt als Mutation und Selektion – ausgerechnet an den Arten halt machen soll, kann frohgemut einer noch von Scherer zu fordernden Grundtypen-Mikroevolutions-Theorie (oder so …) überlassen bleiben – wir freuen uns darauf.

    Seit dem diesbezüglichen Wirken von Werner Gitt muss man von einem höchst merkwürdigen Informationsverständnis in gewissen Kreisen ausgehen und auch Siegfried Scherer scheint sich dergleichen zu eigen zu machen, wie sich aus seiner launigen Bemerkung schließen lässt. Mit der Entwicklung der Computerwissenschaften fanden einige ihrer Begrifflichkeiten und Konzepte selbstverständlich auch Eingang in die Biologie, wie nicht zuletzt mit der Rede vom genetischen Code zum Ausdruck kommt. Solche - aus Nützlichkeitserwägungen bedingte Übertragungen - steht allerdings auch eine Gefahr des Fehlschlusses gegenüber. Natürlich gibt es zwar seit ihrer Begründung durch Claude Elwood Shannon eine Informationstheorie – die Rede von der biologischen Information hingegen ist demgegenüber allerdings nur eine Metapher. So kann beispielsweise eine Geländeerhebung aufgrund ihrer Besonderheiten zu Informationszwecken – etwa als Orientierungshilfe bei einer Wanderung - dienen; die Geländeerhebung selbst wird aber selbstverständlich nicht durch meinen Informationsbedarf konstituiert – sie ist da, ob mir dies nun als Information nützlich erscheint oder nicht. Und so verhält es sich auch, wenn von einem genetischen Code die Rede ist. Siegfried Scherer geht es aber sowieso eher um etwas anderes, nämlich um das eigentlich Neue in der Evolution.

    Dies zu bestimmen, ist nun wirklich nicht ganz einfach. Schließlich war selbst Siegfried Scherer eines Tages, als er das Licht der Welt erblickte, ziemlich neu und stammte dabei - aufgrund der Indizienlage (schließlich waren wir hier weder dabei noch haben wir irgend etwas damit zu tun) ist davon auszugehen - keineswegs vom Affen, sondern von seinen Eltern ab. Gleichwohl war er so frisch, wie gerade aus dem Lehm geschaffen. Worum es ihm geht, ist also nicht eine Novität als solches (schließlich ist jede Mutation und jedes Individuum letztlich neu entstanden), sondern um die großen Abstände zwischen den Entwicklungslinien. Aber auch die längsten Wege der Evolution beginnen mit dem ersten Mutationsschritt. Und so, wie der genetische Fingerabdruck des Siegfried Scherers auf seine Eltern hinweist, blickt dieser noch weiter zurück, beispielsweise auf etwas affenähnliches.

    Aber malen wir uns doch insgeheim ein Szenario aus, das sich an dem Evolutionsverständis eines Siegfried Scherers anlehnt. Wie der Fossilbericht zeigt, sterben offenbar Spezies auch aus. Sollte also die idiosynkratische Bibelauslegung gewisser fundamentalistischer Kreise stimmen, so wird mit dem Fortlauf der Zeit der Artenreichtum zwangsläufig zurückgehen. Aufgrund der vernetzten ökologischen Abhängigkeiten wie Nahrungspyramide, globale Kreisläufe (etwa Stickstoff) etc. wird die Aussterberate unausweichlich exponentiell zunehmen. Da wird beim Menschen schon nach einigen Generationen finito sein. Hinzu kommt: Falls das genetische Anpassungsvermögen grundsätzlich begrenzt ist, sich aber die Mutationsereignisse, über die Generationen betrachtet, akkumulieren, bedeutet dies auch: “Degeneration” ist unausweichlich. Und die Generationsdauer ökologisch wichtiger Bakterien ist doch schon sehr kurz … .

    Im weiteren Verlauf seiner Bekenntnisse gerät Scherer schwer ins Straucheln - die Balancierstange schwingt wild, die Zuschauer halten den Atem an: Wird es unserem Trapezkünstler gelingen, sich zwischen Glaube und Naturwissenschaft im Gleichgewicht zu halten?

    Immerhin konstatiert Scherer den Unterschied zwischen Glaube und Naturwissenschaft. Es ist aber mehr als unredlich, Naturwissenschaft in die Gefilde des Glaubens herunterzuziehen: Das eine ist Dogma, das andere Axiom; das eine ist per definitionem nicht hinterfragbar, das andere wird überflüssig, wenn es nicht mehr benötigt wird. An die “erwürfelte evolutionäre Entstehung der ersten Zelle” muss nun niemand “glauben”, denn Vorstellungen zur Biogenese können als Hypothese potentiell einer Falsifikation zugeführt werden. Gleiches ist übrigens mit einer Schöpfungshypothese möglich, wenn sich nur jemand finden würde, für den solche simplen Dinge nicht unter seiner intellektuellen Würde sind … .

    Sollte also Ulrich Kutschera tatsächlich mal Siegfried Scherer zum Disput über molekulare Makroevolution nach Kassel einladen? Sicherlich könnte dies zu einer äußerst spaßigen Sache werden, so er nur naturwissenschaftlich argumentieren will. Aber von wegen nix Bibel! Da wollen wir es als Naturwissenschaftler und eingeschworene Evilutionisten doch schon etwas genauer wissen, was nun beispielsweise Listeria monocytogenes so alles im Paradies treiben konnte. Oder wie die karnivoren Säuger mit ihrem kurzen Darm und mit der im Gebiss vorhandenen Brechschere P4M1 (Reißzähne) mit den Melonen zurechtgekommen sind. Oder die Lage und Biogeographie des Garten Edens – was ist daraus geworden? Oder die Genetik von Adam und Eva – gab es Sex und auch eine Keimbahn? Warum steht in der Genesis nichts von Mikroevolution? Oder … , oder … , oder … .

    Abschließend hoffen wir, dass auch der intelligent designende Designer immerhin so intelligent designt ist, dass er bei Siegfried Scherers Kapriolen am Drahtseil seine schützende Hand ausnahmsweise nicht über, sondern unter ihm hält – er könnte es wohl gebrauchen. Insbesondere in Kassel … .

    3 Kommentare »

    1. Martin Hafner (SPARC) schreibt:

      Schöner Beitrag. Nur eine Frage: Ist “Lamarck” ein Pseudonym oder eine Ironie der Geschichte, die Lamarck zum Verfechter von Darwins Evolutionstheorie macht?

      14. Sep. 2007 | #

    2. www.theismus.de » Blog Archive » Scherer auf geo.de: Teil 2 schreibt:

      [...] hingewiesen. Mit etwas Verzögerung haben sich zu diesem Thema jetzt auch Sabine Schu und der SkepTicker zu Wort gemeldet. Vor allem zweiterer Beitrag soll etwas näher unter die Lupe genommen werden. Die [...]

      14. Sep. 2007 | #

    3. Lamarck schreibt:

      Hi Martin, “Lamarck” ist in der Tat mein Nick. Bekanntlich war Jean-Baptiste de Lamarck der Erfinder des Begriffs ‘Biologie’. ;-)

      14. Sep. 2007 | #

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