Mit einem Beitrag in der Süddeutschen reiht Friedrich Wilhelm Graf sich in den Chor der Kritiker des so genannten neuen Atheismus ein. Kennzeichen für diese Art des Diskurses ist erstens der überaus sparsame Gebrauch sachlicher Argumente und zweitens die persönliche Diffamierung
Graf, ein evangelischer Theologe, zur Zeit sogar als Fellow beim Wissenschaftskolleg zu Berlin tätig, macht gleich zu Beginn im Untertitel seines Betrages klar, worum es ihm geht:
Richard Dawkins und Christopher Hitchens - ein biologistischer Hassprediger und ein liberaler Skeptiker greifen in ihren Büchern die Religion an.
Der Gegner ist es also, der geifert, eine Unterstellung, die Graf an keiner Stelle seines Beitrages belegen wird. Das Attribut ‘biologistisch’ ist schon deutlich negativ konnotiert. Der durchschnittliche Leser soll hier wohl eine Nähe der Autoren zu sozialdarwinistischen Ansätze assoziieren. Weit schlimmer wiegt natürlich die Klassifikation als Hassprediger. Hassprediger, wie man hier nachlesen kann, sind Personen,
denen vorgeworfen wird, unter religiöser Verbrämung volksverhetzend aktiv zu sein. Der Begriff wird dabei primär auf ausländische, in Deutschland lebende Personen bezogen, wobei zudem auch ein islamistisches Umfeld impliziert wird.
Als typisches Beispiel dafür gilt Mohammed Fazazi, dessen Predigten drei der vier Selbstmordpiloten der Terroranschläge am 11. September 2001 in den USA regelmäßig anhörten. Fazazi predigte beispielsweise:
Du hast die Aufgabe, die Herrschaft der Ungläubigen zu beseitigen, ihre Kinder zu töten, ihre Frauen zu erbeuten und ihre Häuser zu zerstören.
Sicher, weder Hitchens noch Dawkins sind zimperlich, Hasspredigten noch sonstwie den Tatbestand der Volksverhetzung erfüllende Äußerungen finden sich jedoch an keiner einzigen Stelle in ihren Büchern. Streiten kann und muss man sicher über den Titel von Dawkins Buch, Graf äußert sich dazu wie folgt:
In der britischen Debatte hatten mehrere prominente Seelenwissenschaftler darauf hingewiesen, dass “Wahn” ein psychiatrisch klar definierter Begriff ist und die pauschale Rede vom “Gotteswahn” nur wenig erklärt. Dawkins’ Botschaft lautet: Halte ein einzelner seine Einbildungen für objektiv wahr, diagnostiziere man Geisteskrankheit; teilten Kollektive den verrückten Glauben an übernatürliche Mächte, nenne man die Wahnvorstellung Religion.
Aus der englischen Ausgabe von ‘The God Delusion’ frei (von mir) übersetzt:
Das Wörterbuch von Microsoft Word definiert Wahn als ‘das Festhalten an falschen Vorstellungen, trotz gegenteiliger Beweise, insbesondere als Symptom einer psychischen Störung’. Der erste Teil trifft Religon perfekt. Bei der Frage ob es das Symptom einer psychischen Störung ist, bin ich geneigt mich an Robert M. Pirsig zu halten, Autor von ‘Zen and the Art of Motorcycle Maintanance’ wenn er sagt: “Leidet eine Person an einem Wahn nennen wir es verrückt. Leiden viele an einem Wahn so nennen wir es Religion.”
Die nachfolgende “Analyse” Grafs lässt sich auf die folgenden Stichworte reduzieren:
Über Dawkins:
Sein [...] langweiliger Text [...] In den eitlen Posen des alldeutenden Großaufklärers erinnert er [...] prahlt mit seiner philosophischen Unbildung [...] bietet er in ermüdenden Wiederholungen nur wenig Originelles [...]
Und schließlich sogar:
Dies mag auch damit zusammenhängen, dass Dawkins’ Glaubenskritik von antijüdischen Begleittönen nicht frei ist.
Auch für diese besonders infame Diffamierung bleibt Graf jeden Beleg schuldig.
Aber sind Atheisten immer “glücklich, ausgeglichen, geistig ausgefüllt” und “moralisch edel”?
[...]
Selbst die Vernichtungsexzesse in den totalitären Volksgemeinschaftslaboratorien des letzten Jahrhunderts schreibt Dawkins aufs Schuldkonto der Religion.
Diese Fehldarstellung von Dawkins Postition ist ein Griff in die erisitische Trickkiste. Weder das eine noch das andere behauptet Dawkins. Tatsächlich verneint er “nur” die vieltausendfach von religiöser Seite vorgebrachte Behauptung, Atheisten seien per se amoralisch und haben vielfach Krieg und Zerstörung - besonders im letzen Jahrhundert - mit oder wegen ihrer Gottlosigkeit über die Menschheit gebracht. Ein Professor und Inhaber eines Lehrstuhles für Systematische Theologie und Ethik - so sollte man meinen - müsste eigentlich über ausreichend Textverständnis verfügen, um solche ganz und gar nicht kleinen Unterschiede zu bemerken.
Mit Hitchens ist Graf zunächst gnädiger:
Er ist skeptisch, ironisch, auch selbstkritisch, schreibt brillant und betont, epistemologisch reflektiert, die Grenzen naturwissenschaftlicher Begriffsbildung.
Bis er dann schließlich zum Generalschlag auch gegen Hitchens ausholt um den Leser am Ende seines Textes gekonnt in den Schwaden seines theologischen Wortnebels einzuhüllen:
Auch Hitchens fehlen die analytischen Mittel, die elementare Ambivalenz aller religiösen Symbolsprachen, ihre hohe Interpretationsoffenheit zu erkennen und Erklärungen dafür anzubieten, warum in Glaubensbildern, paradox genug, Tendenzen der Selbstverabsolutierung durch Gleichschaltung mit Gott ebenso angelegt sind wie heilsame Potentiale demütiger Selbstlimitierung.
Die Transzendenzchiffre “Gott” kann eben der heillosen Selbstentgrenzung dienen, aber auch das Wissen um die eigene Endlichkeit fördern. Schade, dass Hitchens hier falsche Eindeutigkeit erzeugt und sich dem Spiel des Mehrdeutigen verweigert. Vielleicht sollte man ihn an das neue Zehnte Gebot des Dawkins-Mose erinnern: “Stelle alles in Frage!” - am besten zunächst dich selbst.

alles was ich an kritikwürdigen vergessen, übersehen und/oder nicht erwähnt habe, kann man auf Der Stimme des Herrn nachlesen
12. Sep. 2007 | #
[...] Argumente für diese Bezeichnung bringt sie allerdings nicht, sondern verweist lediglich auf einen kurzen Kommentar der Webseite skepticker.org. Dieses Vorgehen erinnerte mich sofort an viele Beiträge von Martin [...]
13. Sep. 2007 | #
Wollte nur anmekren, dass der obige Kommentar nicht von mir ist! Nicht dass jemand denkt ich würde meine eigene Seite bewerben. Ich würde es daher schätzen, wenn nicht einfach meine HP als Name für einen Beitragsschreiber verwendet wird um derartigen Missverständnissen vorzubeugen.
Michael Burger
14. Sep. 2007 | #
@Burger
Das ist ein von Wordpress (halb)automatische generierter Trackback, da du im Beitrag auf deinem Blog hierher verlinkst.
PS: Übrigens schreibe ich mich sehwolf
14. Sep. 2007 | #