Prof. Ulrich Kutschera (im Bild mit Prof. Wuketits und Dr. Schmidt-Salomon beim Evoutionskongreß iDie), der Wortführer der deutschen Evolutionsbiologen, warnt im GEO-Interview vor einem Erstarken des Kreationismus in Deutschland, Auszüge:
GEO.de: Jüngst hat die hessische Kultusministerin mit ihrer Behauptung, zwischen Schöpfungsgeschichte und Evolutionstheorie gebe es erstaunliche Parallelen, für Aufregung gesorgt. Kommt der Kreationismus nun endgültig nach Europa?
Ulrich Kutschera: Seit ich vor 20 Jahren aus den USA zurückgekehrt bin, beobachte ich diese wissenschaftsfeindlichen Strömungen in Deutschland. Und ich muss mit großer Enttäuschung feststellen, dass die kreationistische Bewegung, die unter anderem Fakten verdreht, Erkenntnisse ignoriert und das gesamte Methodenarsenal der modernen Biologie ablehnt, immer mehr Zulauf hat. Alle Umfragen der letzten Jahre zeigen, dass die Zahl der Evolutionsgegner in Deutschland von rund 20 auf bis zu 30 Prozent angestiegen ist.
GEO.de: Welche Rolle spielt das Internet bei der Verbreitung kreationistischer Ideen?
Ulrich Kutschera: Schüler schauen, wenn sie sich zu einem Thema informieren wollen, heute zunächst im Internet nach. Wenn sie nun Schlüsselbegriffe, wie zum Beispiel “Makroevolution”, “rudimentäre Organe” oder “Phylogenese” bei Google eingeben, dann landen sie zunächst bei den Kreationisten. Da die Zahl der Links bei den Evolutionsgegnern deutlich höher ist als bei uns, führen schätzungsweise zwei Drittel aller Google-Suchanfragen zum Thema Evolution auf kreationistische Seiten. Zum Beispiel auf www.genesisnet.info, eine neue Kreationismus-Seite von “Wort und Wissen”, die eine umfassende Hauptseite pflegt. Wäre unsere ehrenamtlich betriebene Seite www.evolutionsbiologen.de nicht im Netz, würden wohl über 90 Prozent der Suchanfragen bei den Kreationisten landen.
GEO.de: Müsste die Aufklärungsarbeit, die Sie betreiben, nicht von unseren Schulen und Universitäten geleistet werden?
Ulrich Kutschera: Wenn Sie an einer deutschen Universität Biologie studieren, dann ist die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass Sie zum Thema Evolution sehr wenig oder gar nichts Aktuelles gelehrt bekommen. Ich könnte Ihnen bedeutende Universitäten nennen, an denen Sie Biologie-Lehrer werden können, ohne je einen einzigen Kurs zum Thema Evolution besucht zu haben. Es gibt auch nur sehr wenige Kollegen, die das Fach im Rahmen einer staatlich besoldeten Professur vertreten. Hinzu kommt ein erstaunliches Wissensdefizit in der Bevölkerung.

Es bedarf einer umfassenden Bildungsreform um einem weiteren Erstarken der Kreationisten Einhalt zu gebieten. Allerdings sieht die Lage hierzu nicht besonders rosig aus.
So ist angeblich ständig zuwenig Geld für Bildung da, Bildung wird nach der Föderalismusreform weitgehend Ländersache und überhaupt ist zuviel kritisches Hinterfragen speziell an Universitäten ja traditionell nicht gern gesehen.
Sei es also aus finanziellen, föderalen oder politischen Gründen: In Sachen Ausbildung wird es vermutlich beim Status quo bleiben, wenn nicht sogar nicht mal das.
24. Aug. 2007 | #