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  • 21. Aug. 2007

    In der 3. Folge der Hörfunkreihe “Gottes Bilder – Warum wir glauben” auf SWR2-Wissen widmete sich Falk Fischer am 1.8.2007 dem Thema “Naturwissenschaft und Religion”. Die Radio Akademie in SWR2 verfolgt das Ziel der “Vermittlung von Wissen und Orientierungshilfe in einer immer komplexeren Gesellschaft”. Ziel dieses Beitrags war es offensichtlich, eine als verunsichert angenommene christliche Hörerschaft durch ein lauwarmes Wechselbad von hallunterlegten Psalmlesungen mit esoterischen Einlassungen christlicher Wissenschaftler in ein religiöses All-Einheitsgefühl zu lullen.

    Der erste Teil des Beitrags zeigt exemplarisch, welche Argumentationstaktiken üblich sind, wenn die Vereinbarkeit von Naturwissenschaft und Glaube gezeigt werden soll. Der Autor des Beitrags postuliert zuerst einmal völlig unbegründet, Wissen sei nur ein Teilbereich möglicher Erkenntnis. Sodann hält er dem naturwissenschaftlichen Erklärungsansatz vor, sein Mangel an Sinngebungs- und Trostpotenzial führe zu Hybris. Da jedoch gerade die Naturwissenschaft sich mit guten Modellen zur Voraussage von Überprüfbarem begnügt, ist dieser Vorwurf eine dreiste Umkehrung der Sachlage. Fischer versucht außerdem, der Wissenschaft metaphysische Voraussetzungen unterzuschieben: Ludwig Wittgensteins Aufforderung, über all das zu schweigen, worüber man nichts sagen könne, sei “im Grunde ein Maulkorberlass für die Grundvoraussetzung aller Wissenschaft”. Auch dies trifft viel eher auf religiöse Weltbilder zu, die zentrale metaphysische Annahmen treffen und nicht nur gut funktionierende Theorien aufstellen.

    Zur weiteren Glaubensfestigung soll nun die Quantenphysik bemüht werden. Da dort ja - wie allgemein bekannt - alles etwas unscharf und merkwürdig ist, eignet sie sich hervorragend für jedermann, um alles mögliche zu begründen, und ist deshalb in Esoterik, Philosophie und moderner Theologie gleichermaßen beliebt. Hier wird sie vertreten durch Dr. Hartmann Römer, Professor für Physik an der Universität Freiburg. Römer ist ins kritische Radar der GWUP geraten, da er an Publikationen mitwirkte, in denen Homöopathie, Fernheilungen und parapsychologische Effekte mit quantenphysikalischem Formalismus zu begründen versucht wird.

    Daß alles mit allem irgendwie zusammenhänge, legt zwar die Quantenphysik auf gewisse Weise nahe, aber dies auf Bewußtseinsphänomene zu übertragen wie Eccles oder Penrose, ist heutzutage angesichts der wenig kohärenten Bedingungen im menschlichen Gehirn nicht mehr vertretbar. Überhaupt ist die Bedeutung des sog. “Heisenbergschnitts”, also der formal willkürlichen Trennung zwischen Beobachter und Quantenobjekt, durch die Dekohärenztheorie seit fast 30 Jahren einigermaßen entschärft und kann schon gar nicht auf jedes mesokosmische Alltagsphänomen übertragen werden.

    An dieser Stelle ist es wieder Zeit für einige selbstgebaute Nebelgranaten des Autors:

    “Indigene Kulturen glauben ganz andere Fragen beantworten zu können, und keine noch so solide Faktensammlung kann mir hier größere Klarheit schaffen. Denn was folgt schon daraus, … dass die Geburtenrate der Klapperstörche in gleichem Maße schwankt wie die Geburtenrate der Menschen?”

    Natürlich ist eine solche Statistik keine wissenschaftliche Theorie, sondern nur eine erklärungsbedürftige Datensammlung. Eine Theorie wäre ein erklärender Zusammenhang, der falsifizierbare Voraussagen machte. Mithilfe echter Theorien könnte man jedoch sehr wohl den Erkenntnisgehalt indigener Antworten überprüfen. Ebensowenig berechtigen prinzipielle Erkenntnisgrenzen der Naturwissenschaft zu dem Schluß, daß Gott dadurch erkenntnistheoretisch mehr als eine Lückenbüßerfunktion erhalte. Es besteht auch nicht, wie von Falk Fischer behauptet, das Ziel naturwissenschaftlicher Aufklärung im “Abschwatzen der Seele”, sondern darin, tragfähige Erklärungen für wahrnehmbare Phänomene zu finden, auch wenn dies die Entmystifizierung animistischer Vorstellungen bedeutet. Hier vom Wünschen auf das Wissen zu schließen, ist aus Sicht der Wissenschaft ein Kategorienfehler, aus Sicht des Glaubens dagegen geradezu Prinzip. Schließlich wird noch Robert Musil zitiert, um den gelehrten Wissenschaftlern fix einen generellen “Hang zum Bösen” zu unterstellen.

    Al nächster betritt Prof. Dr. Johannes Fischer, Leiter der Theologischen Fakultät der Universität Zürich, den Plan. Nach all dem amateurphilosophischen und quantenesoterischen Geschwurbel zieht er quasi die Notbremse und erklärt, die Motive der Religion lägen gar nicht in Welterklärungsmodellen, sondern

    “in … sehr tiefgehenden existenziellen Bedingungen, nämlich zum Beispiel, was macht diese Welt für uns vertrauenswürdig”

    Das ist immerhin nicht unlogisch: Es geht um Trost, um Therapie, um Wellness. Die Schönheit der Psalmen - weniger dichterische Einfälle, eher tradierte verbale Volksheilkunde - so kann man das sehen. Leider platzt der Autor wieder dazwischen und biegt diese pastorale Deutung in einen verblüffenden Gottesbeweis um: Etwas Heilendes ist etwas Heiliges!

    Der christliche Physiker Römer darf noch kurz und unbegründet die Neurobiologen abwatschen, dann geht es weiter mit esoterischer Quantenphysik, Teil 2, diesmal zusammen mit Prof. Dr. Lothar Schäfer, University of Arkansas. Die Grundlage der Wirklichkeit sei laut Quantentheorie möglicherweise “ein Bewußtsein”, das vielleicht sogar existiere. Abgesehen von der offensichtlichen Schwammigkeit begeht auch Fischer wieder den Fehler, auf eine Verbundenheit der menschlichen Bewußtseine zu spekulieren, obwohl diese nachweislich nahezu dekohärent arbeiten.

    Gegen Ende des Beitrags kommt der Autor dann auf das große All-Einheitsgefühl und diverse Entgrenzungserfahrungen zu sprechen. Auch diese werden als Indizien für ein (transzendentes!) universelles Ordnungsprinzip gedeutet, obwohl man die Ursache solcher Effekte inzwischen neurobiologisch erklären kann. Römer wirft noch ein, daß sämtliche Menschen 99 Prozent ihrer psychischen Inhalte gemeinsam hätten und deswegen auch der Gottlose “Gott nicht ganz los” sei. Dieser Zusammenhang ist überhaupt nicht nachvollziehbar, spiegelt doch die Analogie der psychischen Inhalte nicht mehr wieder als die Analogie der äußerlich prägenden Verhältnisse.

    Fazit: Ein solcher Hörfunkbeitrag mag dem halbgebildeten Gläubigen das Gefühl geben, irgendwie hänge alles zusammen und er habe den Sinn verstanden. Es muß aber für jeden kritisch und aufgeklärt denkenden Menschen ärgerlich scheinen, daß dies mit teils haarsträubenden inhaltlichen und logischen Fehlern sowohl im wissenschaftlichen wie auch im redaktionellen Teil erkauft wurde. Vom Statement des Theologen mal abgesehen, fehlt das klare Bekenntnis, daß Glauben nur pastoral, nicht aber wissenschaftlich gerechtfertigt werden kann.

    Weitere links zu diesem Thema:

    “Es hat keinen Sinn, die Grenzen zu verwischen” - Interview mit Bernulf Kanitscheider über die Beziehung zwischen Religion und Wissenschaft, 1999

    3 Kommentare »

    1. Kival schreibt:

      Danke für den Beitrag, step, eine Frage hätte ich nur:

      “Überhaupt ist die Bedeutung des sog. “Heisenbergschnitts”, also der formal willkürlichen Trennung zwischen Beobachter und Quantenobjekt, durch die Dekohärenztheorie seit fast 30 Jahren einigermaßen entschärft und kann schon gar nicht auf jedes mesokosmische Alltagsphänomen übertragen werden.”

      Hast Du zu dem “Heisenbergschnitt” und insbesondere seiner Entschärfung Linktipps oder Literaturhinweise?

      21. Aug. 2007 | #

    2. step schreibt:

      Die Lösung des Meßproblems duch die Dekohärenztheorie ist natürlich nur mithilfe von physikalischem Theoriewissen verständlich. Eine halbwegs vernünftige Zusammenfassung findet man etwa hier:
      http://www.decoherence.de/essays.html
      http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/~as3/Paris.pdf

      21. Aug. 2007 | #

    3. Kival schreibt:

      Danke, grundsätzlich versteh ich das schon, keine Angst, zumindest insoweit, dass ich weiß, womit es gelöst wurde.

      22. Aug. 2007 | #

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