Warum verlieben wir uns ? In wen verlieben wir uns? Wie schaffen wir es geliebt zu werden? Was passiert mit und in uns, wenn wir uns verlieben und was wenn wir lieben? Was zerstört die Liebe und wie kann man sie erhalten? So lauten die Fragen, die wir alle uns immer wieder stellen. Der Wissenschaftpublizist Bas Kast berichtet welche Antworten die Wissenschaften auf diese uns alle bewegenden Fragen liefern.
Sonntagmorgen, vereinzelt blinzelt die Sonne durchs Gewölk. Eigentlich müsste man dringend noch ein paar Stunden schlafen. Schließlich war die Nacht zuvor die “Saturday Night”. Eine fiebrige Nacht also, in der man sich als durchschnittlicher westeuropäischer Single-Mensch üblicherweise allerlei zweifelhaften Single-Vergnügungen auf der Piste hingibt, in der Hoffnung dort auf andere Single-MenschInnen zu treffen. Man könnte meinen, normale Single-Menschen nehmen sich genau deshalb Sonntags nichts vor, weil sie die Hoffnung nicht aufgeben wollen (können), ihre samstagnächtlichen Bemühungen mögen doch irgendwann einmal andere Ergebnisse zeitigen als einen ausgewachsenen Kater. Nun - ich hatte zum Glück zwar keinen Kater, trotzdem bewegte sich meine Begeisterung ob des infernalischen Gebimmels eines elektronischen Weckers an diesem Sonntag morgen deutlich im unteren Bereich. Immerhin - so sagte ich mir, wie um mich zu motivieren - bist Du eingeladen in die Akademie der Giordano-Bruno-Stiftung, den “Think-Tank der Atheisten“ also, wie der Spiegel kürzlich schrieb. Ein Ort, an dem mit hoher Wahrscheinlichkeit mit der Anwesenheit diverser Fundamentalatheisten, Brightsvordenker und deutscher Chefatheisten zu rechnen ist. Mithin die Speerspitze der “neuen Atheisten”, solche Leute trifft man ja immer gerne, schon allein um sich über deren unheimliche und ungeheuerliche Pläne zu informieren.
Entgegen meiner Erwartungen werde ich nicht in einer schwarzen Kutsche abgeholt, auch wird mir kein Sack über den Kopf gezogen oder meine Sinne sonst wie eingeschränkt oder vernebelt. Es ist ein ganz normales Kraftfahrzeug - ein profaner Kombi übrigens - und die darin sitzenden Menschen sehen völlig normal aus und tragen allesamt normale Kleidung. Wahrscheinlich Tarnung, sage ich mir, lausche gespannt dem Gespräch und erlebe eine erneute Enttäuschung: Gewöhnlicher Smalltalk wird ausgetauscht, dann hören wir Musik und ein Kinderbuch wird herumgereicht, in dem ich keine einzige sublime Botschaft zu entdecken vermag. Es wird hier - so meine intuitive Vermutung - mit einem geheimen Code kommuniziert, den ich erst zu entschlüsseln vermag, sobald ich die Initiationsriten erfolgreich (also lebend) hinter mich gebracht haben werde. Immerhin erfahre ich, worum es heute in der Akadamie gehen wird: Um Liebe, Lust und Leidenschaft. Aha - wußte ich es doch: Polymorph-perverses Atheistenpack!
Aber halt, doch nicht. Keine Orgie, kein Tanz ums Kalb oder sonstiges Getier, keinerlei heidnische Rituale sondern ein Vortrag ist es, dem ich lauschen darf. Bas Kast, Wissenschaftsjournalist beim Tagesspiegel und Autor zahlreicher Bücher, referiert über “Die Liebe und wie sich Leidenschaft erklärt”, so auch der Titel eines seiner Bücher.
Eine Gebrauchsanleitung für die Liebe erhalten wir zunächst nicht, vielmehr erfahren wir den aktuellen Stand der Forschung. Der kurzweilige Vortrag fügt die vielen Puzzlesteinchen der Verhaltensforschung, Psychologie, Neurophysiologie und Sexualmedizin zu einem bunten Mosaik zusammen.
Warum verlieben wir uns? In wen verlieben wir uns? Wie schaffen wir es geliebt zu werden? Was passiert mit und in uns, wenn wir uns verlieben und was, wenn wir “nur” noch lieben? Was zerstört die Liebe und wie kann man sie erhalten?
So lauten die Fragen, die die Wissenschaft stellt und die Bas Kast in seinem Vortrag wie folgt beantwortet: Es sind im wesentlichen Hormone, die uns zu Marionetten eines gnadenlosen archaischen Programms machen, das die Evolution in uns angelegt hat. Serotonin, genauer dessen Fehlen, macht uns sprichwörtlich “krank vor Liebe” - ein Zustand den jeder Verliebte kennt. Oxytocin - das Bindungsmolekül - wird schon bei Berührungen in kleinen Dosen ausgeschüttet und wirkt entspannend. Östrogene und Testosteron bestimmen nicht nur wie wir sind sondern auch wie wir aussehen, weshalb unser potentieller Partner unsere geheimen Charaktereigenschaften erahnen kann. Ob die Chemie stimmt, wir uns also riechen können, erschnuppern wir unterbewusst; Pheromone des potentiellen Partners verraten uns nämlich ob dieser immunologisch zu uns passt, und damit auch ob etwaige gemeinsame Nachkommen über ein gutes oder schlechtes Immunsystem verfügen würden oder nicht. Haben wir den Traumpartner endlich gefunden, geht der “Ärger” aber erst richtig los. Auf dem Programm steht harte Beziehungsarbeit. Langjährige Untersuchungen von Paarforschern bestätigen: Übermäßige Kritik, Verteidigung, Verachtung, Rückzug und Machtdemonstration müssen wir unbedingt vermeiden. Kast nennt diese die fünf apokalytischen Reiter, mit denen wir jede Liebe - und sei sie noch so groß - garantiert zerstören. Um hingegen das Feuer der Liebe zu erhalten oder gar neu zu entfachen, müssen wir - so Kasts 5 Liebesformeln - Zuwendung zum Partner, ein Wir-Gefühl und gegenseitige Akzeptanz entwickeln, positive Illusionen verstärken und für Aufregung im Alltag sorgen.
Fast scheint es, als wolle Bas Kast unsere romantisch überhöhte Idealvorstellungen von der Liebe zerstören. Doch weit gefehlt. Vielmehr nimmt er uns mit auf eine Reise durch unser geheimnisvolles Inneres. Zu fragen wie Liebe “funktioniert” heißt nicht den Mythos Liebe auf dem Altar des Naturalismus zu opfern. Eine physiologische Entschlüsselung der Liebe bedeutet nicht ihre Entzauberung, vielmehr ist es die Ergänzung des Mysteriums Liebe um eine weitere spannende Facette. Bas Kast schließt sein Buch mit den Worten:
Ich weiß, ich weiß, es gibt noch so viel mehr! Aber diese Bausteine sind ein guter Ausgangspunkt. Das gilt vielleicht für alle Gesetze der Gefühlsforscher. Die Entdeckungen sind ein Ausgangspunkt für eigene Entdeckungen.
Am Ende also steht nicht die Wissenschaft. Über Ihr Liebesleben bestimmen nicht irgendwelche Regeln und Gesetze, sondern sie. […] Es gibt so viel mehr zwischen Mann und Frau, als sich die Forschung träumen lässt. In diesem Buch steht, was Wissenschaft über die Liebe weiß. […] Alles andere liegt bei Ihnen.
Fazit: Ein interessanter Tag bei den “neuen Atheisten” - nette und intelligente Leute; kritische Fragen, offene Diskussionen und interessante, anregende Gespräche in entspannter Atmosphäre prägten die Veranstaltung. Dazu der launige und hoch informative Vortrag eines eloquenten Referenten, der es nicht versäumt die Neugierde auf sein bald erscheinendes Buch zu wecken: “Wie der Bauch dem Kopf beim Denken hilft. Die Kraft der Intuition“.
Ob und wie sich das neu erworbene Wissen über Verliebtsein, Liebe und Flirten auf der “Piste” oder in der Partnerschaft bewährt, wird die Zukunft zeigen. Single-MenschInnen, wir kommen…

Interessanter Bericht - ich sehe nicht, warum das Thema nicht auch für Christen spannend sein sollte? Vorsicht allerdings bei der Biochemie der Liebe - auch wenn es so aussieht, als sei das Thema ausgeforscht - es gibt immer noch einiges zu entdecken. So etwa die Feinregulation des Oxytocin- (das übrigens auch für die Kontraktion der glatten Gebärmuskelzellen bei der Geburt verantwortlich ist) und Serotonin-Spiegels durch emotionale Ereignisse. Auch Pheromone sind beim Menschen bisher mehr postuliert denn beforscht (auch wenn es schon entsprechende Präparate auf dem Markt gibt, die unschlagbaren Erfolg beim anderen Geschlecht versprechen). Und nicht zuletzt die “anderen” Formen der Liebe - die Mutterliebe, die Nächstenliebe, etc. und ihre physiologischen und biochemischen Übereinstimmungen und Unterschiede zur romantischen Liebe.
Spannendes Thema, auf jeden Fall.
28. Jul. 2007 | #