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  • 19. Jun. 2007

    Koralle2Von 15. bis 17. Juni 2007 fand an der Universität Trier eine Tagung unter dem Titel „iDie erschöpfte Theorie? Evolution und Kreationismus in Wissenschaften“ statt. Damit setzte der Arbeitskreis Kritische Theorie[n] die erfolgreiche Arbeit des Bildungskongresses „Die ewige Wiederkehr des Religiösen” von 2003 fort.

    Die Begrüßung erfolgt durch Christoph Lammers, der über den “Streitfall Evolution und den Bildungsmarkt” referiert. Er legt die Methoden der kreationistischen Bewegung dar, deren Schwerpunkt er im Angriff auf das Schulwesen sieht. Homeschooling und zunehmende Privatisierung verstärken den anti-evolutionären Ansatz. In Europa und insbesondere in Deutschland sind schöpfungstheoretische Unterrichtsinhalte in den wissenschaftlichen Fächern zwar noch eine Randerscheinung, dennoch sind antiaufklärerische Vorstellungen in der Gesellschaft weit verbreitet. Die noch(!) zaghaft vorgetragenen Versuche religiöser Vertreter und ihrer verlängerten Arme in den Reihen der Politik, Zweifel an Darwins Evolutionstheorie zu wecken, fallen in der Bevölkerung jedoch vermehrt auf fruchtbaren Boden.

    Prof. Dr. Graf - Lehrstuhl für Biologiedidaktik - greift diesen Punkt auf und erklärt: Vor- und frühschulische Lernerfahrungen in Kindergärten, schulischen Religionsunterricht, durch die Medien und dem Elternhaus vermitteln in aller Regel kreationistische Erklärungskonzepte lange bevor Schüler im Unterricht offiziell mit dem Thema Evolution konfrontiert werden. Aufbrechen lassen sich diese früh erworbenen Begriffskonzepte im Biologieunterricht nur schwer und mit allergrößten didaktischen Anstrengungen, was das erschreckende “Abschneiden” der Evolutionstheorie in neuesten repräsentativen Umfragen erklärt: 60% der Bevölkerung glauben nicht an eine Evolution ohne Einwirkung Gottes, und immerhin jeder achte Studienanfänger mit Berufsziel Lehramt meint, eine Evolution der Arten habe nicht stattgefunden und ein höheres Wesen habe den Menschen geschaffen.

    Dr. Kunz erklärt die Verhaltensökologie von Religionen. Religiosität als Teil der evolutionären Menschheitgeschichte steht im Mittelpunkt seines Vortrags. Erkenntnissysteme des Menschen seien für religiöse Vorstellungen prädestiniert, weshalb er den Neokreationismus als Vertreter von „Religion mit wissenschaftlichen Anstrich“ für besonders gefährlich hält.

    Philosoph und Wissenschaftstheoretiker Prof. Dr. Wuketits aus Wien betont die außerordentliche Bedeutung der Evolutionstheorie für die Wissenschaft weit über die Biologie hinaus. Darwins Theorie sieht er als einen Paradigmenwechsel weg von teleologischen (zielgerichteten) Erklärungsmodellen. Die Evolution sei unerschöpflich, betont Wuketits, auch weil sie Erklärungsansätze für eine Vielzahl anderer Disziplinen außerhalb der Biologie liefere.

    ku_wu_mssProf. Dr. Kutschera präsentiert eine fesselnde Darstellung der modernen Evolutionsbiologie. Anhand zahlreicher Beispiele erörtert er, welche von Darwins Theorien widerlegt, erweitert und bestätigt wurden. Kutschera verwirft Intelligent-Design ebenso wie alle anderen antievolutionären Ansätze als unwissenschaftlich.

    Der Referent Thomas Waschke plädiert für einen differenzierten Umgang mit den Evolutionsgegnern. Dies sei für die Wahl einer erfolgreichen Strategie in der Diskussion entscheidend. Der Angriff des Intelligent Design - als erfolgreichsten Vertreter des so genannten „scientific creationism“ - richte sich nicht gegen die Evolution als solche, sondern gegen den Naturalismus als primäres wissenschaftliches Paradigma. Ziel sei es übernatürliche Mechanismen in den wissenschaftlichen Diskurs einzubringen.

    Die Auseinandersetzung mit den politischen Auswirkungen der Lehren Darwins ist das Thema von Dr. Anhalt. Er legt dar wie z. B. Sozialdarwinisten und Rassisten Darwins Konzepte verfremdet um sie für ihre Zwecke vereinnahmen zu können.

    lam_antDer Gastgeber Prof. Dr. Antweiler referiert über Evolutionstheoreme in den Sozial- und Kulturwissenschaften. Er unterscheidet die Rückwirkung von Kultur auf die biologische Evolution und biokulturelle Koevolution auf der einen und die Erforschung evolutionärer Mechanismen in der Soziologie auf der anderen Seite.

    Die Grenzen evolutionsbiologischer Betrachtung in den Humanwissenschaften Bereich sind Dr. Leonhards Thema. Zwar empfiehlt er den Sozialwissenschaften biologische Argumentation vorbehaltlos zu prüfen. Sein Schwerpunkt ist jedoch eine deutliche Kritik am Postulat eines biologischen Imperativs zur maximalen Verbreitung der eigenen Gene.

    Im letzten Vortrag der Tagung formuliert Diplom-Psychologin Vanessa Lux ebenfalls deutliche Kritik an biologistischer Verkürzung durch Soziobiologie und evolutionäre Psychologie. Wesentliches Merkmal der menschlichen Entwicklung seien nicht evolutionär determinierte Verhaltensweisen sondern gerade die kulturell bedingte Loslösung davon. Biologistische Erklärungsversuche seien überdies häufig eine Legitimation für patriarchale Machtverhältnisse, soziale Ungleichheit und für ein autoritäres Gesellschaftssystem.

    In der abschließenden Podiumsdiskussion mit Wuketits, Waschke, Kunz und Lux unter der Leitung von Antweiler werden die Ergebnisse der Tagung unter reger Teilnahme des Publikums noch einmal zusammen gefasst und offen diskutiert: Einigkeit herrscht nicht nur in der Beurteilung auch von Intelligent Design als unwissenschaftlichem religiös motivierten Ansatz. Diesen Generalangriff von religiöser Seite auf die Wissenschaften insgesamt gilt es abzuwehren.
    Beraten werden unter anderem:

    • Strategien im Umgang mit Kreationisten und anderen Gegnern der Aufklärung
    • Abgrenzende Darstellung von Wissenschaft und Pseudowissenschaft in Öffentlichkeit und Medien
    • welche Orientierung bieten Religion/Wissenschaften für Individuum und Gesellschaft (Stichwort E-Day)?
    • die Formulierung einer Tagungsresolution
    • Abschließende Beratung konkreter Maßnahmen für die gesellschaftliche Auseinandersetzung Wissenschaft vs. Kreationismus

    bush_mssFazit: Der Kongress war ein gelungenes und wohl vorbereitetes Event. Hochrangige Referenten aus verschiedenen Disziplinen mit spannenden Vorträgen auf allerhöchstem Niveau präsentierten die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse. Offene und überaus kontroverse Diskussionen wurden geführt unter reger Beteiligung auch eines gut informierten Publikums. Es herrschte sowohl auf dem Trierer Campus, ebenso wie abseits des strammen Tagungsprogramms in der Trierer Altstadt eine herzliche und entspannte Arbeitsatmosphäre, die auch nicht von Störungsversuchen durch Agents Provocateurs des kreationistischen Blocks gegen Ende der Veranstaltung in Gefahr gebracht wurde. Ein überaus interessantes Kulturprogramm - unter anderem mit einer Führung durch die religionskritische Ausstellung „Konstantin Kunst & Provokation“ in der Trierer TUFA als krönender Abschluss der Tagung - rundeten das Gesamtpaket ab.

    Tagungshomepage

    6 Kommentare »

    1. Treffpunkt der Gottlosen schreibt:

      iDie, die erschöpfte Theorie?[…] Impressionen von der Tagung an der Trierer Uni. […]

      19. Jun. 2007 | #

    2. wozubiegott schreibt:

      Prima Artikel! Wir sollten unsere Schreibe öfter zusammenschmeißen, da kommt bestimmt was Gutes bzw. Besseres-als-jede/r-für-sich bei rum.

      21. Jun. 2007 | #

    3. De-volution in Lokalen Medien | SkepTicker schreibt:

      Über manipulative Berichterstattung in lokalen Printmedien bei vermeintlichen Glaubensinhalten […]

      2. Jul. 2007 | #

    4. Ulrich Kutschera: “Kreationismus floriert” | SkepTicker schreibt:

      […] Ulrich Kutschera (im Bild mit Prof. Wuketits und Dr. Schmidt-Salomon beim Evoutionskongreß iDie), der Wortführer der deutschen Evolutionsbiologen, warnt im GEO-Interview vor einem Erstarken […]

      24. Aug. 2007 | #

    5. Treffpunkt » Blog Archiv » Besuch der Konstantin-Ausstellung, Trier schreibt:

      […] uns auf eine professionelle Führung durch Nicole Thies, die auch schon an der Leitung des Evolutionskongreßes iDie erfolgreich mitarbeitete. Ich schlage vor, dass wir uns alle um 14.00 Uhr am Rheinischen […]

      24. Aug. 2007 | #

    6. sweatshirt drucken schreibt:

      good

      12. Sep. 2007 | #

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