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  • 14. Jun. 2007

    „Gott ist an allem schuld“ titelte der Spiegel in seiner Ausgabe vom 26.05.2007.
    Der Pressesprecher des Vatikan Spiegelautor Alexander Smoltczyk – Schreiber der Spiegel-Online-Kolumne Uups et Orbi - lieferte den Hauptartikel, dessen Überschrift „Der Kreuzzug der Gottlosen“ den Leser bereits Übles ahnen lässt.
    Von Atheisten ist da die Rede, von gottlosen Wissenschaftlern, die sich auf einem Kreuzzug gegen Religionswahn und Götter befinden.

    Es ist als würde auch die Aufklärung ihre Fundamentalisten hervorbringen. Mit Eifer und Zorn wird gegen alles zu Felde gezogen, was nur entfernt nach Unvernunft, Aberglaube, Weihrauch riecht.
    Der Totalangriff der Aufklärer macht keine Gefangenen.

    Die Wortführer dieser Bewegung bezeichnet Smoltczyk als Fundamentalisten. Offensichtlich in der Absicht sie zu diskreditieren und im unbedarften Leser ganz bestimmte Assoziationen zu wecken. Brennende Wolkenkratzer und mit Sprengstoffgürteln bewaffnete (Nicht-)Gotteskrieger sind indes aus dieser Ecke ganz gewiss nicht zu erwarten. Über Richard Dawkins, den bekanntesten Vertreter der „neuen Atheisten“, schreibt der Spiegel:

    Wer Dawkins … besucht hat, bleibt mit einem Gefühl zurück, als hätte jemand was kaputt gemacht. Warum wütet der so?

    Zwischen den Fronten der fundamentalistischen Relgionskritikern und den religiösen Gotteskriegern präsentiert der Autor ausgerechnet einen evangelischen Bischof und einen katholischen Papst als moderate Mittler: Bischof Huber, der Dawkins pseudoreligiöse Wissenschaftsgläubigkeit vorwirft und Ratzinger, für den Vernunft und Glauben keine Gegensätze sind. Krönender Höhepunkt ist der päpstliche Chefhistoriker Brandmüller (Interview auf SpOn), der unwidersprochen über Beweislastumkehr, Wunder und eine angeblich rationale Begründung für den Glaubens schwadronieren darf:

    Die Beweislast für die Nichtexistenz Gottes läge im Übrigen bei Richard Dawkins, nicht bei den Gläubigen: „Sie staunen? Ich meine aber doch! Denn: Wenn ich überhaupt die Existenz eines unendlichen Geistes, aus dessen Gedanken und Willen die gesamte Wirklichkeit hervorgegangen ist, leugne, dann muss ich doch wohl erklären können, wie denn Welt und Mensch überhaupt existieren. Urknall, Evolution, Selbstorganisation einer Materie anzunehmen erfordert weit größere Gläubigkeit, als die Kirche für ihre Dogmen verlangt. Wie sollte denn ein Nichts auf einmal knallen?

    Das einzig Fundamentale an Smoltczyks Artikel ist die Unkenntnis des Autors. Sein Wissen über die „neuen Atheisten“ stammt aus zweiter Hand, anscheinend von deren Kritikern. Die wissenschaftlichen Grundlagen interessieren ihn ebenso wenig wie die erkenntnistheoretischen Hintergründe des „neuen Atheismus“. Ironischerweise bestätigt der Autor damit die von ihm völlig ignorierte politische Forderungen der „neuen Atheisten“: Die Streichung religiöser Inhalte von den Lehrplänen der Schulen und die Vermittlung von kritischer Vernunft und rationalem Denken stattdessen.

    Die radikale und fundamentalistische Botschaft von Dawkins und seinen Mitstreitern sollte man indes besser auf der Webseite von Richard Dawkins selbst nachlesen:

    Gut, es funktioniert ungefähr so: Wenn Sie behaupten etwas sei wahr, dann werde ich die Belege Ihrer Behauptung überprüfen. Wenn Sie keinen Beweis für ihre Behauptung erbringen können, werde ich das, von dem sie behaupten es sei wahr, verwerfen und werde Sie für eine törichte und leichtgläubige Person halten, weil sie etwas glauben ohne es belegen zu können.
    Das ist alles. Das ganze verrückte fanatische Paket.
    Wenn der Papst ein paar Worte spricht und sein Hände über einen Keks hält, um diesen Keks in das Fleisch eines 2000 Jahre alten Mannes zu verwandeln, dann würden Dawkins und seine Mitstreiter sagen: „Gut, dann beweisen Sie es. Das müsste einfach sein, mit einer DNA-Analyse zB. Wenn Sie es nicht tun, bringen wir Ihrer Behauptung ebenso wenig Respekt entgegen wie denen, die vorgeben die Zukunft aus Kristallkugeln lesen zu können, Löffel mit ihren Gedanken verbiegen oder sich bei Vollmond in Werwölfe zu verwandeln“.
    Deshalb, genau deshalb ist es Dawkins und nicht der Papst, der bezichtigt wird auf einer Stufe mit irrationalen fundamentalistischen Gotteskriegern zu stehen, die ihre Kinder an einen unsichtbaren Geist opfern.

    Wie der Spiegel-Autor Smoltczyks zu seinen Erkenntnissen gekommen ist, lässt sich natürlich nur mutmaßen. Hat er sich wie man es eher bei Journalisten des Boulevard erwarten würde vielleicht nur vom Schein leiten lassen? Den Theologen beschreibt er in folgenden wohlklingenden Worten:

    Brandmüller ist ein typischer Vatikan-Gelehrter, spricht fließend in sechs Sprachen […]. Außerdem war er einmal Dressurreiter, weshalb ihn nur zwei Dinge in wahres Entzücken versetzen könnten: „Eine gelungene Liturgie und eine perfekt gerittene Traversale.“
    Wer mit Brandmüller zusammen sitzt langweilt sich nicht.

    Für den Wissenschaftler Dawkins findet er folgende weit weniger schmeichelhafte Beschreibung:

    Dawkins ist ein um gutes Aussehen bemühter, etwas überarbeiteter Gentleman, der einem in der U-Bahn nicht unbedingt auffallen würde. Das Wohnzimmer des Professors besteht aus einer Sammlung aus Karussellpferdchen, Büchern, einem Stutzflügel und einem überdimensionierten Flachbildschirm. Dazu bellt ständig ein frisiertes Schoßhündchen. Vielleicht meint es, einen Katholiken gesehen zu haben, vielleicht steckt im Pudel auch ein Teufel.

    Amen

    4 Kommentare »

    1. L.E.N. schreibt:

      die Beschreibung mag nicht schmeichelhaft sein für Dawkins, doch auch er selbst leistet sich gern mal gekonnte Tritte in Fettnäpfchen!

      13. Jun. 2007 | #

    2. Wozubiegott schreibt:

      Wie wir nun wissen, aus erster Hand des Michael Schmidt-Salomon, Sprecher der Giordano-Bruno-Stiftung, hat der Spiegel-Artikel zu einer Schwemme neuer Mitglieder eben dieser Stiftung geführt. Ich nehme an, die Leute sind froh zu erfahren, dass es andere gibt, die ebenso religionskritisch sind wie sie. Lauter kluge Köpfe und emotional Befreite! Die das Glück hatten, von religiöser Indoktrination verschont geblieben zu sein oder sich davon befreien konnten. Das bedeutet, auch ein schlecht recherchierter, unsäglich tendenziös anti-religionskritisch geschriebener Artikel ist dazu imstande, Menschen darüber zu informieren, dass - und wo! - die anderen religionskritischen Menschen zu finden sind. Dafür sage ich: Danke, Spiegel-Autoren!

      14. Jun. 2007 | #

    3. Gebrauchsanleitung für die Liebe? | SkepTicker schreibt:

      Warum verlieben wir uns ? In wen verlieben wir uns? Wie schaffen wir es geliebt zu werden? Was passiert mit und in uns, wenn wir uns verlieben und später lieben? Was zerstört die Liebe und wie kann man sie erhalten? So lauten die Fragen, die die Wissenschaft stellt und die Bas Kast mit seinem Vortrag beantworten […]

      6. Jul. 2007 | #

    4. Thomas schreibt:

      Interessant finde ich an dem Artikel (der streckenweise sehr gruslig geschrieben ist) vor allem einen Punkt, der auch mit Dawkins zu tun hat - was ist mit Molekularbiologen, die Christen sind, was mit Physikern, die Christen sind, was mit Neurowissenschaftlern, die Christen sind. Warum wird von manchen Neo-Atheisten ebenso wie von manchen christlichen Fundamentalisten eine dermaßen zwingende Schwarz-Weiß-Kulisse forciert und eine “Wer nicht für uns ist, ist gegen uns”-Entscheidung verlangt?
      Je länger man die Diskussion verfolgt, desto mehr kann man zur Überzeugung kommen, dass es auf beiden Seiten nur um Meinungshoheit geht und sich beide Seiten einem Überlegenheitsdünkel hingeben. Man könnte fast meinen, Pluralismus ist kein Bestandteil unseres Staatssystems mehr.

      28. Jul. 2007 | #

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